Mittwoch, 12. Oktober 2016

Der gläserne Mensch

Den Bürgern ist es im Prinzip egal, ob sie abgehört werden oder nicht. Sie wähnen sich sicher, wenn sie nichts zu verbergen haben und nehmen die Abhöraktionen dann gelassen hin. Wenn alle abgehört werden, fühlen sie sich paradoxerweise anonym und sicher.

Worum geht es aber? - Um Privatsphäre. Früher nannte man sie Freiheit, heute Privatsphäre. Früher kämpfte man um sie, heute steht man kurz davor sie zu verlieren.

Ohne Privatsphäre, ohne das Recht sich im Geheimen eine Meinung zu bilden, können aber keine echten Diskussionen, keine freie Meinungsäußerung stattfinden. Wie Psychologen betonen, ändert der Mensch sein Verhalten, sobald er weiß, dass er beobachtet wird. Wird er abgehört und weiß, dass seine Meinung unangenehme Folgen für ihn haben könnte, wird er seine Meinung folglich der sicheren Mehrheitsmeinung anpassen, womit die Grundlagen für den Totalarismus gelegt sind.

Ohne Privatsphäre keine Möglichkeit der Geheimnisbildung und der Abgrenzung gegenüber anderen! Ohne Privatsphäre keine Individualisierung!

Problematischerweise ist der gläserne Mensch ohnehin daran gewöhnt, von sich aus alles ins Netz zu stellen. Warum sollte jemand, der sein letztes Geheimnis der Aufmerksamkeit Willen opfert, auch Angst davor haben, durchschaut zu werden? In der Hoffnung entdeckt und gerettet zu werden, ist er ausgeblutet. Er merkt nicht, dass er jede Tiefe verliert, je mehr er preisgibt und keine Geheimnisse haben kann. In seiner Leere hofft er insgeheim von anderen ergründet zu werden. Eine Generation von Selbstdarstellern. Eine Schein-Individualität.

Die Tatsache, dass alle so denken, wie er selbst, nimmt er als Beweis für die Richtigkeit seiner Gedanken. Er merkt nicht, dass das nur der Beweis einer Konformität ist.

Montag, 3. Oktober 2016

Rache, Dankbarkeit, Vergebung

Es heißt immer man müsse vergeben, um frei aufatmen zu können. Es heißt, die größte Bestrafung können es sein jemandem zu verzeihen. Eine Vergebung kann leichter ausfallen, wenn die Erkenntnis durchsickert, dass ein erlittener Schaden nicht persönlich gemeint war, keine Absicht dahinter steckte, der Schaden aus der Situation zwangsläufig hervorgehen musste; wenn der Täter sich seiner Schuld bewusst ist. Wie aber kann man jemandem verzeihen, der sich nicht entschuldigt?

Universalgenie Michelangelo hätte vielleicht besonnener und christlicher reagieren müssen, v.a. als jemand, der im Auftrag des Papstes ein religiöses Bild erstellte. Er nahm sich jedoch die Freiheit seinen Kritiker zu einem Protagonisten seines abgebildetes religiösen Weltbildes zu machen, ihn aus Rachsucht in einen negativen religiösen Kontext zu verorten.

Ist jemand schwach und wird gedemütigt, neigt er zu Rachegefühlen. Ist er irgendwann stärker, nimmt dieses Gefühl ab, um letztlich ganz zu verschwinden. Rache ist insofern ein ein Phantasieprodukt, das aus einer Situation der Ohnmacht und der Schwäche entsteht. Wer Macht hat, wird es verstehen sich im Moment der Demütigung zu wehren und sich keinen Rachegelüsten hingeben müssen. Insofern ist es nicht ganz nachvollziehbar, dass Michelangelo letztendlich doch Rache ausübte und seinem Kritiker in dem Werk einen gewissen Stellenwert einräumte. Zumindest war seine Rache nicht archaisch und roh, sondern subtil - in der Sprache der Psychoanalyse eine Sublimierung:

Michelangelo hatte vom Papst den Auftrag erhalten, den Innenraum der Sixtinische Kapelle auszumalen. Er war schon damals ein Mann mit Weltruhm. Umso mehr muss es ihn geschmerzt haben, dass er unerbittlich kritisiert wurde. Dabei tat sich ein Mann hervor, der ihn zur Weißglut gebracht haben muss. Seine argwöhnischen, begutachtende Blicke und sein Spott müssen Michelangelo die Arbeit zur Hölle gemacht haben. Denn nur so lässt sich erklären, dass er eben diesen Kritiker in das Werk integrierte, für das dieser nur Spott übriggehabt hatte:

Das Werk hat den Namen "Das Jüngste Gericht". Als der Vorhang gezogen wurde, erkannte man unter der Vielzahl von Figuren auch ein grünes Wesen, das einem Kobold glich. Wie es unschwer zu erkennen war, stellte es Charon dar, den Fährmann aus der griechischen Mythologie. Auf einer Barke beleitet dieser die Toten über den Grenzfluss, der die Welt der Lebenden von dem der Toten trennt. Man kann sich vorstellen, wie dem prominenten Kritiker zumute gewesen sein muss, als er die Gesichtszüge des Fährmanns wiedererkannte: Es waren seine eigenen! Michelangelo hatte Charon, tatsächlich die Mimik seines größten Kritikers verliehen.

Dieser muss geahnt haben, welches Nachspiel das für ihn haben würde: Der Fährmann würde damit für alle Zeiten sein Gesicht haben - und er selbst bis zu seinem Tod das Gesicht eines Toten tragen. Entsetzt forderte er den Papst auf, der Sache Einhalt zu gebieten. "Meine Macht reicht bis zum Himmel - nicht weiter!" war dessen Antwort.

Dankbarkeit und Rache sind in ihrer Struktur ähnlich, beide zielen auf einen Ausgleich ab: Bei Dankbarkeit erfolgt das über positive Gefühle, mit denen man die "Zielperson" am liebsten überschwemmen, ihm etwas "zurückzahlen" wollte. Bei Rache eben auch, nur im negativen Sinne. "Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens." meinte ein Dichter - Rache eben auch, nur muss man es übers Herz bringen.

Verzeihen als Gegenstück der Rache heißt nicht einfach etwas beiseite zu schieben, sondern hat eine Vorstufe: D.h. man muss zu einer Stärke und Einsicht finden, mit denen man sich über das Geschehene erhebt.



Geburt und Tod

Wenn er einer seiner Patientinnen eine traurige Nachricht überbringen muss, setzt er sich neben sie im Korridor des Krankenhaus. Ihnen gegenüber will er nicht sitzen, denn dann müsste er ihnen in die Augen schauen - und das erfordert Kraft. Die Kraft ihren Schmerz zu ertragen hat er nicht.

Der Arzt bestellt eine junge, schwangere Frau ein und setzt sich neben sie. Er teilt ihr die traurige Gewissheit mit: Die Frau, die Zwillinge gebären wird, ist an Krebs erkrankt, sie hat nicht mehr lange Zeit zu leben.

Die junge Frau behält das Geheimnis erst einmal für sich, ihrem Ehemann will sie es zunächst nicht mitteilen. Sie beschäftigt sich mit dem Leben ihrer Familie nach ihrem Tod. Sie stellt sich vor wie ihre Kinder ohne sie aufwachsen werden müssen. Um ihnen etwas mit auf den Weg zu geben, spricht sie zu ihren nächsten Geburtstagen auf Kassette. Sie kommentiert ihre Entwicklung im voraus. Später wird sie ihren Mann bitten, diese Kassetten zu den Geburtstagen ihrer Kinder abzuspielen. Sie spricht darin ihre Kinder direkt an: Sie beglückwünscht sie, spricht ihnen Mut zu und drückt ihre Sehnsucht nach ihnen aus.

2 Monate nach der Geburt ihrer Zwillinge stirbt die Frau.

Sonntag, 18. September 2016

Im Stollenwerk der Seelen

Nur unter der Oberfläche der Dinge lässt sich etwas Verwertbares finden.

Deswegen wagen wir Minenarbeiter uns tief in das von Asbest geschwängerte Schattenreich derer, die wir bis zur Unkenntlichkeit lieben.

Der Druck auf die Schächte in ihren Seelen, in denen wir uns vorankrebsen, wächst, je weiter wir gehen. Und je weiter wir gehen, desto größer wird der Druck etwas zu finden. Noch schwerer aber wiegt das Risiko, dass Stollen wie Zahnstocher einknicken und uns lebendig begraben in ihren Herzen. Kommt es dazu, ist es fast schon „besser“ sofort begraben zu werden. Denn wer in einer Luftblase überlebt, wird qualvoll ersticken. Hilferufe werden nicht erhört, wenn überhaupt als leise Klopfsignale überhört.


Kann sich noch jemand an die chilenischen Minenarbeiter erinnern, deren medial inszenierte, dramatische Rettung weltweit für Aufsehen sorgte? Unglaublich viele Menschen nahmen Anteil daran, beteten oder leisteten Hilfe. Warum eigentlich?


Weil sie sich unter den Verschütteten selbst fanden. Weil sie sich hinter den verkrusteten, pechschwarzen Gesichtern, die monatelang in der Dunkelheit ausharren mussten, wiedererkannten. Schließlich ist jeder Minenarbeiter, der in den Seelen der anderen gräbt - und nichts anderes ist Lieben.

Wer davon bedroht ist im Herzen eines anderen lebendig begraben zu werden, wird die Hoffnung wie die verschütteten Minenarbeiter nicht aufgeben. Er wir seiner Rettung entgegenfiebern, darin dass seine "Klopfzeichen" erhört werden.

Paradoxerweise überlebt mehr die Erinnerung an Gerettete als an diejenigen, die es nicht schaffen. Für letztere wäre die Erinnerung eigentlich angebrachter. Eine Erinnerung wie ein Strauß Blumen, den man an das Grab der mutigen und verunglückten Gefühle legen müsste.

Jeder ist Minenarbeiter, der das Risiko eingeht, vergessen zu werden - denn nichts anderes ist Verschüttetwerden. In den Goldminen unserer Auserwählten graben wir uns voran. Weiter und weiter, immer auf der Suche nach verwertbaren Rohstoffen, die wir gegen Zuneigung und Glück eintauschen wollen.

Jeder ist Minenarbeiter, der sich auf und in die Seelen anderer einlässt. Jeder, dessen Augen sich an die Dunkelheit der Seelen gewöhnen, und der ein Weniger an Dunkelheit schon als Licht empfindet. Wir graben uns mit unseren Fingernägeln voran, stoßen auf Granit, geben nicht auf. Irgendwann ist die Hoffnung, etwas zu finden, größer als die Strecke, die man zurückgelegt hat. Dann gibt es kein zurück mehr. Entweder man findet das Glück oder das Herz des anderen wird einem zum Grab.

Wenn man dann doch gerettet werden sollte, besteht die Kunst darin, sich in dem wiederzufinden, das die anderen entdeckt haben wollen, und sich nicht darin zu verlieren.

Bye, bye, Kenya!

Wie verzweifelt muss ein Mensch sein um sein Leben auf Schlauchbooten im Mittelmeer zu riskieren?

Die Antwort liegt in den zerbombten Kraterlandschaften von Syrien oder in den Slums von Kibera in Kenia.

Kibera ist eines der größten Armenvierteln der Welt, Ende April waren wir dort unterwegs als Ärzte im Rahmen unserer gemeinnützigen Stiftung. Seitdem ist Armut kein abstrakter Begriff mehr für mich.

Die einzige Möglichkeit ihr zu entfliehen, besteht darin sein Leben zu riskieren und in Booten das Mittelmeer zu überqueren. Genau genommen haben sie dabei nichts zu verlieren: Sie riskieren ein Leben, das genaugenommen keines ist. Das Leben in diesen Slums kann man wohl kaum als ein menschenwürdiges Leben bezeichnen. Und ein Leben ohne Würde ist kein lebenswertes Leben. Also gilt es diesen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen und ihre Verzweiflung auf dem Mittelmeer als Ausdruck ihres würdelosen Lebens richtig zu deuten.

In diesen Armenvierteln müssten sie für Trinkwasser täglich bis zu 10 km zu einem Brunnen laufen. Es gibt weder Schulen, noch medizinische Einrichtungen. In Vierteln, in denen es keine Toiletten gibt, grenzt es auch an einem Wunder gesund zu bleiben.

Wir verteilten Nahrungsmittel und führten medizinische Untersuchungen durch. Auffällig war, dass sich die Frauen nur selten bei uns bedankten. Allmählich verstand ich, dass das kein Ausdruck von Undankbarkeit war: Wer vom Leben niemals etwas erhalten hat, wird schlichtweg auch keine Dankbarkeit entwickeln können. Sie sind offensichtlich nicht oft in die Lage gekommen sich für irgendetwas zu bedanken.

Das alles fängt schon damit an, dass Kinder als Waisen auf die Welt kommen. Die Müttersterblichkeit bei der Geburt ist hoch und möglicherweise hat sich auch der Vater vorher "verabschiedet". Manchmal sind die Eltern aufgrund einer eigenwilligen Sexulamoral an AIDS erkrankt und der Krankheit schließlich zum Opfer gefallen Dann gibt es eben ein Heer von Waisenkindern. Wenn sie Glück haben werden sie dann in eines der Waisenhäuser aufgenommen, die von europäischen Missionaren verwaltet werden. Dort können sie in dem Glauben aufwachsen, dass sie zumindest von jemandem, Gott, geliebt werden. Obwohl ich Missionarismus kritisch gegenüberstehe, halte ich ihn in dieser Form für zulässig.

In der Rangliste der "glücklichsten Länder der Welt" ist Kenya an 122. Stelle. Dennoch können die Kenyaner lachen. Weil sie glücklich sind? - Sicherlich nicht! Armut macht unglücklich, Reichtum nicht glücklich. Warum lachen sie also? - Weil ihr Schicksal sich schon bei ihrer Geburt abgezeichnet hat. Sie alle teilen die gleichen Bedingungen, wenige unter ihnen haben bessere Startbedingungen. Es gibt keine Vergleichsmöglichkeiten, keine Aussicht auf ein besseres Leben, keine Sehnsüchte, die sie unglücklich machen könnten. Im fernen Europa macht uns der Glaube unglücklich, dass das große Glück irgendwo deponiert ist und uns entgeht. Das Unglück der Kenianer ist anderer Art: Alle haben ein vergleichbares Schicksal und in einer fatalistischen Art sind sie alle darin vereint. Keinem geht es besser oder schlechter als dem anderen. Keiner hat ein schnelleres Auto, ein größeres Haus oder mehr Geld auf dem Konto - sie alle sind gleicharm. Also bleibt ihnen nur eines: Entweder sich ihrem Unglück hinzugeben oder sich auf den Weg nach Europa zu machen, dorthin, wo glückliche Menschen leben sollen. Sie können nicht wissen, was sie dort erwartet.

Unsere Hilfe mag ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen sein, aber man könnte auch sagen, dass sie ein Tropfen im Meer war: Er geht nicht verloren. Und „wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt.“

Mittwoch, 24. August 2016

İnanılmaz

Karanlık günlerimde, Allah'a sığınmamak için direnir, ona çaresizlikten şartlanmak istiyemezdim. Belkide çocuksal bir gurur meselesiydi bu. Ona kurtarıcı sıfatından dolayı sarılmak, kolayına kaçmak, yüzsüzlük gibi gelirdi bana. Huzuruna temiz elbiselerimle çıkmak için doğru ani bekler durur, saçı sakalına karışmış bir esir gibi önüne sürülmek istemezdim. Ve "ticari" nedenlerden inanmak hiç istemezdim.

Hala dualarda hiç birşey talep etmem, bu bana görgüsüzlük, ticaret gibi gelir. Yaratanın gönlünden kopmuş olan, zaten bedenimizdedir, ruhumuzdur.

Das Paradies..

... ist kein Ort, das Paradies ist ein seelischer Zustand, den man schon zu Lebzeiten erreichen muss, weil man es kann. Das ist die Eintrittskarte.

Das Paradies als die Psyche, die richtige geistige Haltung.

Die dafür erforderlichen moralisch richtigen Taten prägen einen tugendhaften Charakter, der sich in seiner Wirkung selbst als lustvoll empfindet.

Ziel ist der Einlass in ein moralisches System, in das man seelisch verankert wird. Es werden Charakter und Tugenden ausgebildet, was den eigentlichen Lohn ausmacht.