Donnerstag, 24. Dezember 2015

Rache und Dankbarkeit

Ist jemand schwach und wird gedemütigt, neigt er zu Rachegefühlen. Ist er irgendwann stärker, nimmt dieses Gefühl ab, um letztlich ganz zu verschwinden. Rache ist insofern ein ein Phantasieprodukt, das aus einer Situation der Ohnmacht und der Schwäche entsteht. Wer Macht hat, wird es verstehen sich im Moment der Demütigung zu wehren und braucht sich keinen Rachegelüsten hinzugeben.
Dankbarkeit und Rache sind in ihrer Struktur ähnlich, beide zielen auf einen Ausgleich ab: Bei Dankbarkeit erfolgt das über positive Gefühle, mit denen man die "Zielperson" am liebsten überschwemmen, ihm etwas "zurückzahlen" wollte. Bei Rache eben auch, nur im negativen Sinne. "Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens." meinte ein Dichter - Rache eben auch, nur muss man es übers Herz bringen.

Dienstag, 22. Dezember 2015

Bewerbung an die Fremdenlegion

Nach meinem längjährigen Einsatz in einer renommierten Kriegsgaleere habe ich etwas Vernünftiges getan: Ich habe Philosophie studiert. Was kann es Vernünftigeres geben als etwas, das sich selbst als Gebrauch der Vernunft, als "Liebe zur Weisheit" definiert? (Duden: "Philosophie: Man lässt sich etwas durch den Kopf gehen und schaut, wohin das führt. Eine sublimierte (gesellschaftlich akzeptierte, höhere Stufe) Form des Kopfschusses.)

Jeder war auf der Kriegsgaleere an mir verzweifelt, so habe ich bewusst die Seminare von Descartes (Vater der modernen Philosophie) gewählt, der den "Zweifel" zur Methode erhob ("methodischer Zweifel") und damit die Philosophie der Neuzeit einleitete. Wenn jemand also an deinem Verstand zweifelt, dann greife nach der Vernunft wie nach den Sternen. Wenn ein Therapie-Wesen also an deiner Vernunft zweifelt und dir seine persönliche Diagnose so stolz wie eine Diagnose anheftet, dann zeige ihm als vernunftbeseeltes Wesen der Philosophie wie krank es ist und wie wenig Vernunft es selbst besitzt! Wenn jemand an deinem Verstand zweifelt, kannst du als Vernunftwesen auch an seinem Verstand zweifeln. Sein Zweifel kann mehr an seiner vermeintlichen Geistesstärke liegen, als an dem vielleicht unzweifel-haften Objekt des Zweifels.

Die Philosophie hatte etwas befreiendes, genau das, was jemand, der langjährig gerudert ist, gebraucht hat. Sogar die Ketten an seinem Handgelenk sollte ich damals wie einen Rosenkranz spüren oder sie als Acessoire ansehen - das war das Leitbild des Hauses.

Irgendwann sollen sich die anderen Sklaven über mich beschwert haben. Aber ich denke, dass ist nur ein Vorwand des Kapitäns gewesen. In Wahrheit reichen die "Animateure" auf dem Schiff nicht aus, um sie im Rythmus der Trommeln bei Laune zu halten und anzufeuern. Böse Zungen würden sagen, die Sklavenhalter reichen nicht aus, um die zahlreichen Sklaven im Schah zu halten und sie anzupeitschen - natürlich nur im übertragenen Sinne. Aber ich will nichts Schlechtes über meinen früheren Arbeitgeber sagen..

Was ich festgestellt haben: Es reicht mittlerweile nicht mehr aus nur Sklave zu sein, man muss dabei sogar gut drauf sein: Mann muss bei der Arbeit vor Lebensfreude strahlen, als würde man gerade das Lied "Happy" hören und in dem ausgezeichneten Clip von Pharrell Williams mit dem Kanadierhut mitspielen. Es muss so überzeugend sein, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Film verschwimmen.

Die anderen Sklaven haben sich also über mich beschwert und wir sind zu der Entscheidung gekommen, dass wir uns an bei der nächsten Möglichkeit, anstatt sofort über Bord zu gehen, trennen. Ich hätte natürlich auch sofort das Schiff versenken können wie die Piraten bei Asterix, damit es nicht in fremde Hände fällt. Aber es ist schon wichtig für den weiteren Lebenslauf, dass man sich im gegenseitigen Einvernehmen trennt. Seitdem habe ich einen tollen Meerblick und unbezahlten Urlaub. Andere trinken Rum, weil sie die Fässer von Hafen zu Hafen transportieren - ich trinke Kokusnuss-Saft im Schatten von Palmen. Nur Freitag nervt manchmal.

Zumindest habe ich jetzt Zeit meinen kreativen, handwerklichen Neigungen ( - Philosophie ist schließlich auch das Handwerk der Begriffe - ) nachzugehen und an einem Floss zu schustern (nicht die Ikea-Version) - während Freitag freundlicherweise an meinen Nerven sägt. Das macht er, weil er mich (zu) offensichtlich mag.

Bei Antoine-Saint Exupéry hatte ich mal gelesen: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Die Männer für das Schiff habe ich sowieso nicht, aber die Sehnsucht nach dem Meer ist geblieben - dafür muss man nicht auf einer Sklavengaleere rudern. Oder damit sie bleibt, darf man nicht auf ihr rudern.

Ich könnte jetzt ein Feuer machen, damit ich auf dem nächsten Schiff wahrgenommen werde. Aber es ist nicht so wie per Anhalter. Man müsste dann wieder rudern, einfach so mitgenommen wird keiner. Nun das tun andere auch, weil sie nicht frei sein wollen: Sie wollen Sklavenhalter werden.

Meine Bewerbungsunterlagen, haben sie der Flasche (- ich bin nicht betrunken, wie ich mich anhöre!! -) entnommen. Hiermit bewerbe ich mich offiziell bei Ihnen bei der Fremdenlegion. Über ein Vorstellungsgespräch würde ich mich sehr freuen. Bitte schicken Sie mir hierfür ein Schiff.

Mit freundlichen Grüßen,
I.

Sonntag, 20. Dezember 2015

Der Kreis schließt sich

Als Student habe ich eine Famulatur in einem türkischen Krankenhaus abgeleistet. Eines Tages übergab man mir auf Station ein Buch, der Assistenzarzt hatte es für mich entgegengenommen. Ob ich denn Handel mit alten Büchern betreibe, wollte er wissen...Ich erinnerte mich, ein Patient vom Vortage hatte von einem alten Buch erzählt, dass er mir schenken wolle. Ich hatte dankend abgelehnt, weil ich dachte, es sei ein modernes Buch - und von denen hatte ich in meinen Regalen mehr als genug. Es musste sich also um dieses gehandelt haben. Im Ärztezimmer hatte sich eine Traube um das Buch gebildet, das auf deutsch verfasst war und den Namen "Lehrbuch der Chirurgie" trug. Die Chirurgen blätterten darin und waren erstaunt über die Operationstrategien ihrer Kollegen von damals. Einer von ihnen sagte scherzend, dass der Chefchirurg zu Tränen gerührt sein würde, wenn er das Buch zu Gesicht bekäme. Der Oberarzt wollte von mir einen Preis hören, zu dem ich es ihm verkaufen würde. Ich lehnte ab, denn schließlich war es ein Geschenk...

Auf der Vorderseite des Buches ist ein Kopf abgebildet, der von zwei Händen gefasst wird. Manchmal bilde ich mir ein, dass es sich mehr als um eine reine medizinische Untersuchung handelt. Es wirkt so, als würde hier der Schädel begutachtet und seine Maße ermittelt werden. Nun ist das Buch 100 Jahre alt und das Ganze könnte einen durchaus rassistischen Hintergrund gehabt haben; vor allem wenn man bedenkt, dass die damaligen Wissenschaften den rassistischen Ideologien von damals in die Hände spielten. Die Seiten des Buches sind vergilbt, aber sehr gut erhalten. Auf der ersten Seite ist der Name einer gewissen Luise Hofmann sowie das Jahr 1918 vermerkt. Es finden sich handschriftliche Notizen an den Zeilenrändern, sogar eine Blume ist zwischen den Seiten eingelassen.

Der türkische Patient war nicht mehr anzutreffen, ich konnte ihn also nicht mehr über die Geschichte des Buches ausfragen. Er hatte eine Zeit lang in Deutschland gelebt, nur das wusste ich. Ob er das Buch von dort mitbrachte oder es in der Türkei in die Hände bekam, konnte er mir nicht mehr sagen. Ob er das Buch auf einem verstaubten Dachboden gefunden oder in einem Antiquitäten-Laden erworben hatte, wird auch nicht mehr zu klären sein. Und genau darin, in seiner geheimnisvollen Geschichte liegt der Reiz des Buches - und überhaupt aller Dinge, deren Erbe wir antreten und die zu Spekulationen verführen:

Luise Hofmann...das ist offensichtlich eine junge, emanzipierte Frau gewesen, die in der Weimarer Republik Medizin studierte und sich in den Kopf gesetzt hatte Chirurgin zu werden. Selbst heute ist die Chirurgie eine Männerdomäne, insofern muss sie entschlossen und durchsetzungsfähig gewesen sein. Sie war sicherlich eifrig und wissbegierig - und hoffentlich auch idealistisch. Zwischen den Blättern hat sie eine Blume abgelegt, die inzwischen natürlich eingetrocknet ist. Man spricht Chirurgen eine gewisse Gefühlskälte nach, so hoffe ich, dass diese Blume für ihre emotionale Seite stand..

Das Buch ist in der Türkei gelandet - entweder damals mit ihr oder in der Gegenwart ohne sie. Sie könnte damals eine Famulatur in Izmir abgeleistet haben, sowie ich in jenem Krankenhaus Jahrzehnte später. Vielleicht aber war sie eine von den vielen jüdischen Akademikern, die Nazi-Deutschland den Rücken kehrten und in der Türkei eine neue Heimat fanden. In der neu gegründeten Türkei waren Ärzte, Ingenieure und Architekten natürlich sehr willkommen. Israel, wohin sie hätte auswandern können, gab es damals noch nicht. Sie könnte ihr Studium hier fortgesetzt haben oder als praktizierende Ärztin tätig gewesen sein...

Ich habe mich oft gefragt, ob ich diesem Schicksal nachgehen soll. Sollte ich ihre Nachfahren ausfindig machen? Sollte ich das wirklich tun? Sollte man überhaupt alle Geheimnisse lüften? - Es wäre jedenfalls mit großem Aufwand verbunden. Und vielleicht ist die Geschichte dahinter weniger spektakulär als ich vermute...

Auf alle Fälle hatte das Buch eine lange Reise zurückgelegt, genau genommen 3000 Kilometer und fast ein Jahrhundert. Das Buch strahlt nach wie vor Würde und Erhabenheit aus, auch wenn seine Seiten inzwischen vergilbt und etwas brüchig sind. Es hat eine Geschichte, die mit dem Schicksal der Inhaberin und der einer ganzen Generation verknüpft ist. Einer Generation, die sich zwischen den Weltkriegen verliert...Das Studium der Medizin könnte Luise Hofmann, falls sie etwa nicht-jüdisch gewesen sein sollte, resistent gegenüber den menschenverachtenden Ideologien des frühen 20.Jh. gemacht haben. Die Geschichte aber leider zeigt, dass selbst Mediziner vor Unmenschlichkeiten nicht zurückschreckten..

Ich hoffe, dass sie ihrer ärztlichen Tätigkeit -wo auch immer - nachgehen konnte - und dass die Menschen sie so gut behandelten wie sie ihre Patienten.

Der Kreis hatte sich geschlossen: Das Werk ist meinem Besitz, in der Obhut eines ärztlichen Kollegen. Schon als Student erfüllte mich das mit Stolz. Es ist ein persönliches Andenken an sie. Und vielleicht wird man eines Tages dieses geheimnisvolle Buch auf meinem Dachboden finden. Man wird in archäologischer Kleinstarbeit  festzustellen wollen, wie es in meinen Besitz kam - v.a. dann, wenn den Historikern die vertrocknete Blume zwischen seinen Blättern auffällt, die hierzulande nicht wächst...Andererseits könnten die Finder denken, das Buch sei - vorausgesetzt Luise Hofman hat Deutschland niemals verlassen - immer schon in Deutschland gewesen. Insofern sollte auch ich meinen Namen auf die erste Seite platzieren - unter den Namen von Luise Hofman...

Chirurgen in Rosengärten

Osmanische Chirurgen wurden im Sinne ihrer Weiterbildung interessanterweise in Rosengärten geschickt: Dort schnitten sie an den Rosen, pflegten und stutzten sie. Hin - und wieder schnitten sie sich selbst an den Dornen und bluteten. Sie mussten feststellen, dass es keine Rose ohne Dornen gibt. Und dass es die Hingabe an ihnen war, die sie wertvoll machte. Die Chirurgen mussten schmerzhaft feststellen, dass die Rosen, die sie pflegten, sie genauso verletzen konnten wie betören. Die Arbeit in den Rosengärten sollte eine Atmosphäre des Wohlwollens schaffen und die Chirurgen verzaubern: Die Rosen sollte ihr Gefühlsleben anregen und sie zur Empathie gegenüber Menschen verleiten, die ebenfalls Dornen haben können. Und nicht zuletzt sollten sie anhand der Schmerzen, die ihnen die Dornen zufügten, gewarnt sein die Schnitte an ihren Patienten möglichst klein zu halten, um ihnen vergleichbare Schmerzen zu ersparen.

Ver-rückt unter vermeintlich Normalen

Wenn jemand einen Konflikt in sich spürt, den er nicht auflösen kann, spielen innerpsychischen Mechanismen verrückt: Je nach "psychodynamischem Abwehrmechanismus" entwickelt er psychotische Symptome. Das Interessante für unser Selbstverständnis ist, dass wir jene gemeinhin als "verrückt" etikettieren, die bei genauerem Hinsehen die "Normalen" sind: Das Symptom, mit dem sie auffallen, ist ein Zeichen ihres seelischen Kampfes und sozusagen ein "geistiges Lebenszeichen". Die Leiden, dessen Ausdruck das "Symptom" ist, "müssen" ansonsten Gesunde in einer dem Menschsein entfremdeten Umgebung natürlicherweise und folgerichtig haben: Sie sind eine gesunde Reaktion auf etwas Krankmachendes. Nicht das Symptom ist das eigentlich Pathologische und verdient Aufmersamkeit, sondern die Umstände, unter denen es auftritt.


Besorgniserregender ist die vermeintlich normale Gesellschaft: Sie haben kollektiv akzeptierte Neurosen entwickelt, erleben aber den Konflikt leider nicht mehr. Sie sind dermaßen abgestumpft, dass sie diejenigen Symptome, die ein mit sich in Konflikt geratener Mensch quasi als "Fragen" folgerichtig aufwerfen müsste, schlichtweg nicht mehr entwickeln.


Die vermeintlich Normalen brauchen nun die Verrückten, um sich ihre angeblichen Normalität zu vergewissern. In Wirklichkeit sind die "Verrrückten das gesunde Spiegelbild einer abgestumpften kranken Gesellschaft.


Bestimmte Verrückte wie z.B. Narzissten und Maniker werden sogar von der Gesellschaft stillschweigend gedeckt, solange sie Leistung erbringen. Der Erfolg "schützt" sie also vor einer Diagnose, die die kranke Gesellschaft ansonsten wie einen Orden verleiht. Das Damoklesschwert schwebt über denjenigen, die bestimmte Funktionen in der Leistungsgesellschaft nicht mehr erfüllen können, bei ihnen wird ihre Leistungsminderung mit ihrer seelischen Verfassung in Verbindung gebracht. Dann treten Psychologen, die Schamanen des kranken Systems, auf den Pan und arbeiten an deren Anpassung an die kranke Gesellschaft. So lange bis eine Konformität erreicht und das (gesunde) schützende Symptom ausgemerzt ist. Verkehrte Welt.

Freitag, 18. Dezember 2015

Geliebte Feinde

Wer keine Freunde hat, kann hier getrost aufhören weiterzulesen!
Wer Feinde hat, kann auch aufatmen, alle anderen müssen etwas beachten:


Ein Feind ist als "Feind" gesetzt und als solcher klar identifizierbar: Ja, er kann dir Schaden zufügen - aber bestenfalls nichts, womit du nicht gerechnet hast. Er tut alles nur von "amtswegen" - du selbst hast ihn schliesslich mit dieser Rolle betraut. Jeder sucht sich den Feind aus, der ihm in gewisser Hinsicht "gut" tut. Aber auch wenn mit ihm zu rechnen ist, sollte man sich aus Ermangelung von Freunden lieber keine Feinde machen. Niemand kann existenziell so wichtig sein, dass man ihn zu seinem Feind ernennt - es gleicht einem Richterschlag.

Hat einer also das Stigma des Feindes erhalten, dann eben deswegen, weil er zu bestimmtem kontroversen Verhalten neigt - und dieses Verhalten ist meistens berechenbar.

Dein Freund dagegen ist viel unberechenbarer und unzuverlässiger: Er kann dein Vertrauen missbrauchen, er kann dich verraten - was dein Feind laut Definition nicht mehr kann. Während du von deinem Feind nichts Gutes erwartest, kann sich ein vermeintlicher Freund wider Erwarten verhalten und dir großen Schaden zufügen.

Insofern muss du darauf achten, was du deinem Freund mitteilst. Vertraue ihm nicht zuviel an, er könnte eines Tages dein Feind werden. (Auf der anderen Seite: Sei nicht zu schlecht zu deinem Feind, er könnte eines Tages dein Freund werden.) Nichts, was eines Tages in falsche Hände geraten und gegen dich verwendet werden könnte. Sobald du ihm das Gefühl gibst, dass er unverzichtbar ist, wirst du der erste sein, auf den er verzichtet. "Und meistens lernt man einen Menschen am besten im Moment der Trennung kennen." Ab dann wird er zu deinem Feind, den du dann aber zumindest kennst und der sich nur "arte legis" verhält. Ab dann kannst du wieder aufatmen. ;-)


Wenn es irgendwann still wird um dich und keine Kritik an deiner Person mehr zu hören ist, heißt es nicht, dass du Perfektion erlangt hast: Wenn dir niemand deine Fehler um die Ohren haut, heißt es nicht, dass du keine hast, sondern nur, dass du keinen hast, der das tut. Spätestens dann brauchst du wieder einen Freund und musst dich fragen, wie er denn beschaffen sein sollte. Ganz einfach:

Das ist "jemand, der dich mag, obwohl er dich kennt. Jemand, in dessen Anwesenheit du laut denken kann."

Mein Sprung aus einem völlig intakten Flugzeug

Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich sprang aus dem Flugzeug, mein Fallschirm öffnete sich und ich war im Landeflug. Dann verlor ich das Bewusstsein. Erst als ich erwachte, erlangte ich mein Bewusstsein wieder. An meine Landung, ob sie erfolgreich gewesen war oder nicht, konnte ich mich also nicht erinnern. Das war eine Woche vor dem realen Sprung gewesen.

Jetzt saß ich in dem Propeller-Flugzeug und wartete auf meinen Absprung. Die Wirklichkeit übertraf jede Vorstellungskraft. Der Propeller des Fliegers knatterte vor sich hin, Wolken breiteten sich breitflächig unter uns aus. Auf dem Boden waren sie mir wie ein Riegel vorgekommen, der sich zwischen Himmel und Erde schob, nur um unser Vorhaben zu vereiteln. Wir hatten gehofft, dass sie wieder abziehen und uns bessere Bedingungen für den Sprung gewähren würden. Sie waren geblieben – und wir waren gestartet. 


Noch nie war ich also dem Himmel so nahe. Wir saßen zu acht in dem engen Innenraum des Fliegers und warteten auf unseren Absprung. Mein Tandem-Partner hinter mir kontrollierte noch einmal die Gurte, die uns miteinander verbanden. Wir setzten unsere Brillen auf. Da es sehr laut war, tippte mir mein Tandem-Partner auf die Schulter und erinnerte mich an die Anweisungen, die er mir vor dem Abflug gegeben hatte. Ein mal auf die rechte Schulter getippt, hieße, dass ich in der Luft eine bogenförmige Haltung einzunehmen hatte. Zwei mal, dass ich mich an meinen Gurten festzuhalten hatte. Endlich wurde die Schiebetür des Fliegers geöffnet - wir hatten die Höhe von 4000 Metern erreicht. Der freie Fall würde 50 Sekunden dauern, dann würden sich die Fallschirme öffnen. Zumindest in der Theorie.

Wir setzten uns auf den Boden des Fliegers und krabbelten einige Meter bis unsere Beine aus dem offenen Flugzeug hingen. Dann wurde ich aus dem Flugzeug geschubst und stürzte in annähernd horizontaler Lage in die Wolken. Ich fiel und fiel und breitete die Arme aus. Um uns herum überall Wolkenschwaden. Die Luft war natürlicher dünner, so dass mir das Atmen etwas schwerer fiel. Der kalte Wind traf mein Gesicht wie ein Wasserstrahl. Ich flatterte wie ein Drache im Wind. In was für eine Situation hatte ich mich da hineinmanövriert? Wenn jetzt der Fallschirm sich nicht öffnen würde..

Als wir schließlich wortwörtlich aus allen Wolken fielen, öffnete sich der Fallschirm dann doch, ruckartig. Nun hingen wie eine Kerze in der Luft. Mein Tandem-Partner rief einige Jubelrufe aus. An seiner linken Hand war durchgehend eine Videokamera befestigt gewesen, die er mir wie ein Mikrofon direkt ins Gesicht hielt. Er wollte einige Worte hören, um mir das Video nach der Landung verkaufen zu können. Ich muss im Höhenrausch gewesen sein, jedenfalls sprach ich ohne Vorwarnung einige Worte auf türkisch aus: Einer türkischen Geschichte zufolge, war ein gewisser Hezarfen im 16. Jh., von einem Turm in Istanbul gesprungen, um mit seinem eigens hergestellten Flugapparat einige Kilometer weit zur anderen Küste zu fliegen. Darauf Bezug nehmend, sagte ich, dass ich das geschafft habe, was Hezarfen (schon allein physikalisch) nicht vergönnt gewesen sein kann. („Hezarfen´nin yapamadigini ben yaptim, Hezarfen´in kulagi cinlasin!")

Dann drehten wir noch einige Runden und genossen den Anblick: Grünen Felder, die wie mit dem Lineal gezogen an gelben grenzten. Häuser, Straßen und Flüsse, die sich wie eine Schlange windeten..

Es war eine Grenzerfahrung. Gerade deswegen überrascht es mich, dass mir das Ganze nicht die Menge Adrenalin bescherte, die den Umständen angemessen gewesen wäre. Was einen reizt, ist der kalkulierte Kontrollverlust: Etwas zu tun, wovon Verstand und Sinne abraten. Der Wunsch sich selbst zu spüren, sich einer Situation auszusetzen,  auf die man sich nicht vorbereiten kann.

Man springt aus dem Flugzeug - was die eigentliche Schwierigkeit darstellt – und hat von da an keine Einflussmöglichkeiten. Man kann dann nichts mehr falsch machen, vielleicht war ich deshalb nicht wahnsinnig aufgeregt. Es war ein überwältigendes Erlebnis, hat mich aber nicht an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht. Schon auf dem Boden hatte mich mein Tandem-Partner gefragt, ob ich nervös sei. Ich hatte geantwortet, dass ich bei der Arbeit schon brenzligeren Situationen ausgeliefert gewesen bin...

Letztendlich geht es darum über seinen Schatten zu springen und sich daran zu erinnern, wenn einem die Umstände im Alltag als unüberwindlich erscheinen. Es geht darum, alles hinter sich zu lassen und zu springen, loszulassen. Sich von den Dinge, die einen festhalten, zu lösen. Je höher man gelangt, desto mehr hängt man an den Dingen, die man hat, und desto schwerer fällt es einem dann davon zu lassen, und auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Eine Entschuldigung über die Lippen zu bringen, kann einem schwerer vorkommen als aus der Luke eines Flugzeugs zu springen...

Yazıp, çizdiklerim

Satırlar sarıldığım demir parmaklıklarım.
Onların arasından, satırlar arası, kendimi serbest hissediyorum. Özgürlüğe açılan bir pencere gibiler.
 Bazı hatıralarla, onları sağlıklı bir şekilde unutabilmek için, - kağıt üzerinde olsa bile - bir son defa yüzleşmek gerekir.
Birbirine karışmış harfler, gerçeğin sızlayan kemikleri gibi.
Kırmak istediğim, ama vazgeçemediğim bir kalem.
Kaderin kızgın sularında, gerçeklere karşı çektiğim bir kürek.
Maziye emanet etmek istediğim, geçmişe şahitlik eden yazılar.

Dönüşü olmasın diye, yakmak istediğim gemilerim.
Aslında yazmak ruhunuzda gerçekleştirdiğiniz cerrahi bir işlemdir:

Ama ne yazık ki, çıkarmak istediğiniz bazı sözler ve hatıralar içimize kurşun gibi saplanmıştır, çıkartılamaz.





















(Resim: Istanbul, Ara Güler)