Freitag, 18. Dezember 2015

Mein Sprung aus einem völlig intakten Flugzeug

Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich sprang aus dem Flugzeug, mein Fallschirm öffnete sich und ich war im Landeflug. Dann verlor ich das Bewusstsein. Erst als ich erwachte, erlangte ich mein Bewusstsein wieder. An meine Landung, ob sie erfolgreich gewesen war oder nicht, konnte ich mich also nicht erinnern. Das war eine Woche vor dem realen Sprung gewesen.

Jetzt saß ich in dem Propeller-Flugzeug und wartete auf meinen Absprung. Die Wirklichkeit übertraf jede Vorstellungskraft. Der Propeller des Fliegers knatterte vor sich hin, Wolken breiteten sich breitflächig unter uns aus. Auf dem Boden waren sie mir wie ein Riegel vorgekommen, der sich zwischen Himmel und Erde schob, nur um unser Vorhaben zu vereiteln. Wir hatten gehofft, dass sie wieder abziehen und uns bessere Bedingungen für den Sprung gewähren würden. Sie waren geblieben – und wir waren gestartet. 


Noch nie war ich also dem Himmel so nahe. Wir saßen zu acht in dem engen Innenraum des Fliegers und warteten auf unseren Absprung. Mein Tandem-Partner hinter mir kontrollierte noch einmal die Gurte, die uns miteinander verbanden. Wir setzten unsere Brillen auf. Da es sehr laut war, tippte mir mein Tandem-Partner auf die Schulter und erinnerte mich an die Anweisungen, die er mir vor dem Abflug gegeben hatte. Ein mal auf die rechte Schulter getippt, hieße, dass ich in der Luft eine bogenförmige Haltung einzunehmen hatte. Zwei mal, dass ich mich an meinen Gurten festzuhalten hatte. Endlich wurde die Schiebetür des Fliegers geöffnet - wir hatten die Höhe von 4000 Metern erreicht. Der freie Fall würde 50 Sekunden dauern, dann würden sich die Fallschirme öffnen. Zumindest in der Theorie.

Wir setzten uns auf den Boden des Fliegers und krabbelten einige Meter bis unsere Beine aus dem offenen Flugzeug hingen. Dann wurde ich aus dem Flugzeug geschubst und stürzte in annähernd horizontaler Lage in die Wolken. Ich fiel und fiel und breitete die Arme aus. Um uns herum überall Wolkenschwaden. Die Luft war natürlicher dünner, so dass mir das Atmen etwas schwerer fiel. Der kalte Wind traf mein Gesicht wie ein Wasserstrahl. Ich flatterte wie ein Drache im Wind. In was für eine Situation hatte ich mich da hineinmanövriert? Wenn jetzt der Fallschirm sich nicht öffnen würde..

Als wir schließlich wortwörtlich aus allen Wolken fielen, öffnete sich der Fallschirm dann doch, ruckartig. Nun hingen wie eine Kerze in der Luft. Mein Tandem-Partner rief einige Jubelrufe aus. An seiner linken Hand war durchgehend eine Videokamera befestigt gewesen, die er mir wie ein Mikrofon direkt ins Gesicht hielt. Er wollte einige Worte hören, um mir das Video nach der Landung verkaufen zu können. Ich muss im Höhenrausch gewesen sein, jedenfalls sprach ich ohne Vorwarnung einige Worte auf türkisch aus: Einer türkischen Geschichte zufolge, war ein gewisser Hezarfen im 16. Jh., von einem Turm in Istanbul gesprungen, um mit seinem eigens hergestellten Flugapparat einige Kilometer weit zur anderen Küste zu fliegen. Darauf Bezug nehmend, sagte ich, dass ich das geschafft habe, was Hezarfen (schon allein physikalisch) nicht vergönnt gewesen sein kann. („Hezarfen´nin yapamadigini ben yaptim, Hezarfen´in kulagi cinlasin!")

Dann drehten wir noch einige Runden und genossen den Anblick: Grünen Felder, die wie mit dem Lineal gezogen an gelben grenzten. Häuser, Straßen und Flüsse, die sich wie eine Schlange windeten..

Es war eine Grenzerfahrung. Gerade deswegen überrascht es mich, dass mir das Ganze nicht die Menge Adrenalin bescherte, die den Umständen angemessen gewesen wäre. Was einen reizt, ist der kalkulierte Kontrollverlust: Etwas zu tun, wovon Verstand und Sinne abraten. Der Wunsch sich selbst zu spüren, sich einer Situation auszusetzen,  auf die man sich nicht vorbereiten kann.

Man springt aus dem Flugzeug - was die eigentliche Schwierigkeit darstellt – und hat von da an keine Einflussmöglichkeiten. Man kann dann nichts mehr falsch machen, vielleicht war ich deshalb nicht wahnsinnig aufgeregt. Es war ein überwältigendes Erlebnis, hat mich aber nicht an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht. Schon auf dem Boden hatte mich mein Tandem-Partner gefragt, ob ich nervös sei. Ich hatte geantwortet, dass ich bei der Arbeit schon brenzligeren Situationen ausgeliefert gewesen bin...

Letztendlich geht es darum über seinen Schatten zu springen und sich daran zu erinnern, wenn einem die Umstände im Alltag als unüberwindlich erscheinen. Es geht darum, alles hinter sich zu lassen und zu springen, loszulassen. Sich von den Dinge, die einen festhalten, zu lösen. Je höher man gelangt, desto mehr hängt man an den Dingen, die man hat, und desto schwerer fällt es einem dann davon zu lassen, und auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Eine Entschuldigung über die Lippen zu bringen, kann einem schwerer vorkommen als aus der Luke eines Flugzeugs zu springen...

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