Dienstag, 22. Dezember 2015

Bewerbung an die Fremdenlegion

Nach meinem längjährigen Einsatz in einer renommierten Kriegsgaleere habe ich etwas Vernünftiges getan: Ich habe Philosophie studiert. Was kann es Vernünftigeres geben als etwas, das sich selbst als Gebrauch der Vernunft, als "Liebe zur Weisheit" definiert? (Duden: "Philosophie: Man lässt sich etwas durch den Kopf gehen und schaut, wohin das führt. Eine sublimierte (gesellschaftlich akzeptierte, höhere Stufe) Form des Kopfschusses.)

Jeder war auf der Kriegsgaleere an mir verzweifelt, so habe ich bewusst die Seminare von Descartes (Vater der modernen Philosophie) gewählt, der den "Zweifel" zur Methode erhob ("methodischer Zweifel") und damit die Philosophie der Neuzeit einleitete. Wenn jemand also an deinem Verstand zweifelt, dann greife nach der Vernunft wie nach den Sternen. Wenn ein Therapie-Wesen also an deiner Vernunft zweifelt und dir seine persönliche Diagnose so stolz wie eine Diagnose anheftet, dann zeige ihm als vernunftbeseeltes Wesen der Philosophie wie krank es ist und wie wenig Vernunft es selbst besitzt! Wenn jemand an deinem Verstand zweifelt, kannst du als Vernunftwesen auch an seinem Verstand zweifeln. Sein Zweifel kann mehr an seiner vermeintlichen Geistesstärke liegen, als an dem vielleicht unzweifel-haften Objekt des Zweifels.

Die Philosophie hatte etwas befreiendes, genau das, was jemand, der langjährig gerudert ist, gebraucht hat. Sogar die Ketten an seinem Handgelenk sollte ich damals wie einen Rosenkranz spüren oder sie als Acessoire ansehen - das war das Leitbild des Hauses.

Irgendwann sollen sich die anderen Sklaven über mich beschwert haben. Aber ich denke, dass ist nur ein Vorwand des Kapitäns gewesen. In Wahrheit reichen die "Animateure" auf dem Schiff nicht aus, um sie im Rythmus der Trommeln bei Laune zu halten und anzufeuern. Böse Zungen würden sagen, die Sklavenhalter reichen nicht aus, um die zahlreichen Sklaven im Schah zu halten und sie anzupeitschen - natürlich nur im übertragenen Sinne. Aber ich will nichts Schlechtes über meinen früheren Arbeitgeber sagen..

Was ich festgestellt haben: Es reicht mittlerweile nicht mehr aus nur Sklave zu sein, man muss dabei sogar gut drauf sein: Mann muss bei der Arbeit vor Lebensfreude strahlen, als würde man gerade das Lied "Happy" hören und in dem ausgezeichneten Clip von Pharrell Williams mit dem Kanadierhut mitspielen. Es muss so überzeugend sein, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Film verschwimmen.

Die anderen Sklaven haben sich also über mich beschwert und wir sind zu der Entscheidung gekommen, dass wir uns an bei der nächsten Möglichkeit, anstatt sofort über Bord zu gehen, trennen. Ich hätte natürlich auch sofort das Schiff versenken können wie die Piraten bei Asterix, damit es nicht in fremde Hände fällt. Aber es ist schon wichtig für den weiteren Lebenslauf, dass man sich im gegenseitigen Einvernehmen trennt. Seitdem habe ich einen tollen Meerblick und unbezahlten Urlaub. Andere trinken Rum, weil sie die Fässer von Hafen zu Hafen transportieren - ich trinke Kokusnuss-Saft im Schatten von Palmen. Nur Freitag nervt manchmal.

Zumindest habe ich jetzt Zeit meinen kreativen, handwerklichen Neigungen ( - Philosophie ist schließlich auch das Handwerk der Begriffe - ) nachzugehen und an einem Floss zu schustern (nicht die Ikea-Version) - während Freitag freundlicherweise an meinen Nerven sägt. Das macht er, weil er mich (zu) offensichtlich mag.

Bei Antoine-Saint Exupéry hatte ich mal gelesen: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Die Männer für das Schiff habe ich sowieso nicht, aber die Sehnsucht nach dem Meer ist geblieben - dafür muss man nicht auf einer Sklavengaleere rudern. Oder damit sie bleibt, darf man nicht auf ihr rudern.

Ich könnte jetzt ein Feuer machen, damit ich auf dem nächsten Schiff wahrgenommen werde. Aber es ist nicht so wie per Anhalter. Man müsste dann wieder rudern, einfach so mitgenommen wird keiner. Nun das tun andere auch, weil sie nicht frei sein wollen: Sie wollen Sklavenhalter werden.

Meine Bewerbungsunterlagen, haben sie der Flasche (- ich bin nicht betrunken, wie ich mich anhöre!! -) entnommen. Hiermit bewerbe ich mich offiziell bei Ihnen bei der Fremdenlegion. Über ein Vorstellungsgespräch würde ich mich sehr freuen. Bitte schicken Sie mir hierfür ein Schiff.

Mit freundlichen Grüßen,
I.

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