Sonntag, 20. Dezember 2015

Der Kreis schließt sich

Als Student habe ich eine Famulatur in einem türkischen Krankenhaus abgeleistet. Eines Tages übergab man mir auf Station ein Buch, der Assistenzarzt hatte es für mich entgegengenommen. Ob ich denn Handel mit alten Büchern betreibe, wollte er wissen...Ich erinnerte mich, ein Patient vom Vortage hatte von einem alten Buch erzählt, dass er mir schenken wolle. Ich hatte dankend abgelehnt, weil ich dachte, es sei ein modernes Buch - und von denen hatte ich in meinen Regalen mehr als genug. Es musste sich also um dieses gehandelt haben. Im Ärztezimmer hatte sich eine Traube um das Buch gebildet, das auf deutsch verfasst war und den Namen "Lehrbuch der Chirurgie" trug. Die Chirurgen blätterten darin und waren erstaunt über die Operationstrategien ihrer Kollegen von damals. Einer von ihnen sagte scherzend, dass der Chefchirurg zu Tränen gerührt sein würde, wenn er das Buch zu Gesicht bekäme. Der Oberarzt wollte von mir einen Preis hören, zu dem ich es ihm verkaufen würde. Ich lehnte ab, denn schließlich war es ein Geschenk...

Auf der Vorderseite des Buches ist ein Kopf abgebildet, der von zwei Händen gefasst wird. Manchmal bilde ich mir ein, dass es sich mehr als um eine reine medizinische Untersuchung handelt. Es wirkt so, als würde hier der Schädel begutachtet und seine Maße ermittelt werden. Nun ist das Buch 100 Jahre alt und das Ganze könnte einen durchaus rassistischen Hintergrund gehabt haben; vor allem wenn man bedenkt, dass die damaligen Wissenschaften den rassistischen Ideologien von damals in die Hände spielten. Die Seiten des Buches sind vergilbt, aber sehr gut erhalten. Auf der ersten Seite ist der Name einer gewissen Luise Hofmann sowie das Jahr 1918 vermerkt. Es finden sich handschriftliche Notizen an den Zeilenrändern, sogar eine Blume ist zwischen den Seiten eingelassen.

Der türkische Patient war nicht mehr anzutreffen, ich konnte ihn also nicht mehr über die Geschichte des Buches ausfragen. Er hatte eine Zeit lang in Deutschland gelebt, nur das wusste ich. Ob er das Buch von dort mitbrachte oder es in der Türkei in die Hände bekam, konnte er mir nicht mehr sagen. Ob er das Buch auf einem verstaubten Dachboden gefunden oder in einem Antiquitäten-Laden erworben hatte, wird auch nicht mehr zu klären sein. Und genau darin, in seiner geheimnisvollen Geschichte liegt der Reiz des Buches - und überhaupt aller Dinge, deren Erbe wir antreten und die zu Spekulationen verführen:

Luise Hofmann...das ist offensichtlich eine junge, emanzipierte Frau gewesen, die in der Weimarer Republik Medizin studierte und sich in den Kopf gesetzt hatte Chirurgin zu werden. Selbst heute ist die Chirurgie eine Männerdomäne, insofern muss sie entschlossen und durchsetzungsfähig gewesen sein. Sie war sicherlich eifrig und wissbegierig - und hoffentlich auch idealistisch. Zwischen den Blättern hat sie eine Blume abgelegt, die inzwischen natürlich eingetrocknet ist. Man spricht Chirurgen eine gewisse Gefühlskälte nach, so hoffe ich, dass diese Blume für ihre emotionale Seite stand..

Das Buch ist in der Türkei gelandet - entweder damals mit ihr oder in der Gegenwart ohne sie. Sie könnte damals eine Famulatur in Izmir abgeleistet haben, sowie ich in jenem Krankenhaus Jahrzehnte später. Vielleicht aber war sie eine von den vielen jüdischen Akademikern, die Nazi-Deutschland den Rücken kehrten und in der Türkei eine neue Heimat fanden. In der neu gegründeten Türkei waren Ärzte, Ingenieure und Architekten natürlich sehr willkommen. Israel, wohin sie hätte auswandern können, gab es damals noch nicht. Sie könnte ihr Studium hier fortgesetzt haben oder als praktizierende Ärztin tätig gewesen sein...

Ich habe mich oft gefragt, ob ich diesem Schicksal nachgehen soll. Sollte ich ihre Nachfahren ausfindig machen? Sollte ich das wirklich tun? Sollte man überhaupt alle Geheimnisse lüften? - Es wäre jedenfalls mit großem Aufwand verbunden. Und vielleicht ist die Geschichte dahinter weniger spektakulär als ich vermute...

Auf alle Fälle hatte das Buch eine lange Reise zurückgelegt, genau genommen 3000 Kilometer und fast ein Jahrhundert. Das Buch strahlt nach wie vor Würde und Erhabenheit aus, auch wenn seine Seiten inzwischen vergilbt und etwas brüchig sind. Es hat eine Geschichte, die mit dem Schicksal der Inhaberin und der einer ganzen Generation verknüpft ist. Einer Generation, die sich zwischen den Weltkriegen verliert...Das Studium der Medizin könnte Luise Hofmann, falls sie etwa nicht-jüdisch gewesen sein sollte, resistent gegenüber den menschenverachtenden Ideologien des frühen 20.Jh. gemacht haben. Die Geschichte aber leider zeigt, dass selbst Mediziner vor Unmenschlichkeiten nicht zurückschreckten..

Ich hoffe, dass sie ihrer ärztlichen Tätigkeit -wo auch immer - nachgehen konnte - und dass die Menschen sie so gut behandelten wie sie ihre Patienten.

Der Kreis hatte sich geschlossen: Das Werk ist meinem Besitz, in der Obhut eines ärztlichen Kollegen. Schon als Student erfüllte mich das mit Stolz. Es ist ein persönliches Andenken an sie. Und vielleicht wird man eines Tages dieses geheimnisvolle Buch auf meinem Dachboden finden. Man wird in archäologischer Kleinstarbeit  festzustellen wollen, wie es in meinen Besitz kam - v.a. dann, wenn den Historikern die vertrocknete Blume zwischen seinen Blättern auffällt, die hierzulande nicht wächst...Andererseits könnten die Finder denken, das Buch sei - vorausgesetzt Luise Hofman hat Deutschland niemals verlassen - immer schon in Deutschland gewesen. Insofern sollte auch ich meinen Namen auf die erste Seite platzieren - unter den Namen von Luise Hofman...

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