Mittwoch, 12. Oktober 2016

Der gläserne Mensch

Den Bürgern ist es im Prinzip egal, ob sie abgehört werden oder nicht. Sie wähnen sich sicher, wenn sie nichts zu verbergen haben und nehmen die Abhöraktionen dann gelassen hin. Wenn alle abgehört werden, fühlen sie sich paradoxerweise anonym und sicher.

Worum geht es aber? - Um Privatsphäre. Früher nannte man sie Freiheit, heute Privatsphäre. Früher kämpfte man um sie, heute steht man kurz davor sie zu verlieren.

Ohne Privatsphäre, ohne das Recht sich im Geheimen eine Meinung zu bilden, können aber keine echten Diskussionen, keine freie Meinungsäußerung stattfinden. Wie Psychologen betonen, ändert der Mensch sein Verhalten, sobald er weiß, dass er beobachtet wird. Wird er abgehört und weiß, dass seine Meinung unangenehme Folgen für ihn haben könnte, wird er seine Meinung folglich der sicheren Mehrheitsmeinung anpassen, womit die Grundlagen für den Totalarismus gelegt sind.

Ohne Privatsphäre keine Möglichkeit der Geheimnisbildung und der Abgrenzung gegenüber anderen! Ohne Privatsphäre keine Individualisierung!

Problematischerweise ist der gläserne Mensch ohnehin daran gewöhnt, von sich aus alles ins Netz zu stellen. Warum sollte jemand, der sein letztes Geheimnis der Aufmerksamkeit Willen opfert, auch Angst davor haben, durchschaut zu werden? In der Hoffnung entdeckt und gerettet zu werden, ist er ausgeblutet. Er merkt nicht, dass er jede Tiefe verliert, je mehr er preisgibt und keine Geheimnisse haben kann. In seiner Leere hofft er insgeheim von anderen ergründet zu werden. Eine Generation von Selbstdarstellern. Eine Schein-Individualität.

Die Tatsache, dass alle so denken, wie er selbst, nimmt er als Beweis für die Richtigkeit seiner Gedanken. Er merkt nicht, dass das nur der Beweis einer Konformität ist.

Montag, 3. Oktober 2016

Rache, Dankbarkeit, Vergebung

Es heißt immer man müsse vergeben, um frei aufatmen zu können. Es heißt, die größte Bestrafung können es sein jemandem zu verzeihen. Eine Vergebung kann leichter ausfallen, wenn die Erkenntnis durchsickert, dass ein erlittener Schaden nicht persönlich gemeint war, keine Absicht dahinter steckte, der Schaden aus der Situation zwangsläufig hervorgehen musste; wenn der Täter sich seiner Schuld bewusst ist. Wie aber kann man jemandem verzeihen, der sich nicht entschuldigt?

Universalgenie Michelangelo hätte vielleicht besonnener und christlicher reagieren müssen, v.a. als jemand, der im Auftrag des Papstes ein religiöses Bild erstellte. Er nahm sich jedoch die Freiheit seinen Kritiker zu einem Protagonisten seines abgebildetes religiösen Weltbildes zu machen, ihn aus Rachsucht in einen negativen religiösen Kontext zu verorten.

Ist jemand schwach und wird gedemütigt, neigt er zu Rachegefühlen. Ist er irgendwann stärker, nimmt dieses Gefühl ab, um letztlich ganz zu verschwinden. Rache ist insofern ein ein Phantasieprodukt, das aus einer Situation der Ohnmacht und der Schwäche entsteht. Wer Macht hat, wird es verstehen sich im Moment der Demütigung zu wehren und sich keinen Rachegelüsten hingeben müssen. Insofern ist es nicht ganz nachvollziehbar, dass Michelangelo letztendlich doch Rache ausübte und seinem Kritiker in dem Werk einen gewissen Stellenwert einräumte. Zumindest war seine Rache nicht archaisch und roh, sondern subtil - in der Sprache der Psychoanalyse eine Sublimierung:

Michelangelo hatte vom Papst den Auftrag erhalten, den Innenraum der Sixtinische Kapelle auszumalen. Er war schon damals ein Mann mit Weltruhm. Umso mehr muss es ihn geschmerzt haben, dass er unerbittlich kritisiert wurde. Dabei tat sich ein Mann hervor, der ihn zur Weißglut gebracht haben muss. Seine argwöhnischen, begutachtende Blicke und sein Spott müssen Michelangelo die Arbeit zur Hölle gemacht haben. Denn nur so lässt sich erklären, dass er eben diesen Kritiker in das Werk integrierte, für das dieser nur Spott übriggehabt hatte:

Das Werk hat den Namen "Das Jüngste Gericht". Als der Vorhang gezogen wurde, erkannte man unter der Vielzahl von Figuren auch ein grünes Wesen, das einem Kobold glich. Wie es unschwer zu erkennen war, stellte es Charon dar, den Fährmann aus der griechischen Mythologie. Auf einer Barke beleitet dieser die Toten über den Grenzfluss, der die Welt der Lebenden von dem der Toten trennt. Man kann sich vorstellen, wie dem prominenten Kritiker zumute gewesen sein muss, als er die Gesichtszüge des Fährmanns wiedererkannte: Es waren seine eigenen! Michelangelo hatte Charon, tatsächlich die Mimik seines größten Kritikers verliehen.

Dieser muss geahnt haben, welches Nachspiel das für ihn haben würde: Der Fährmann würde damit für alle Zeiten sein Gesicht haben - und er selbst bis zu seinem Tod das Gesicht eines Toten tragen. Entsetzt forderte er den Papst auf, der Sache Einhalt zu gebieten. "Meine Macht reicht bis zum Himmel - nicht weiter!" war dessen Antwort.

Dankbarkeit und Rache sind in ihrer Struktur ähnlich, beide zielen auf einen Ausgleich ab: Bei Dankbarkeit erfolgt das über positive Gefühle, mit denen man die "Zielperson" am liebsten überschwemmen, ihm etwas "zurückzahlen" wollte. Bei Rache eben auch, nur im negativen Sinne. "Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens." meinte ein Dichter - Rache eben auch, nur muss man es übers Herz bringen.

Verzeihen als Gegenstück der Rache heißt nicht einfach etwas beiseite zu schieben, sondern hat eine Vorstufe: D.h. man muss zu einer Stärke und Einsicht finden, mit denen man sich über das Geschehene erhebt.



Geburt und Tod

Wenn er einer seiner Patientinnen eine traurige Nachricht überbringen muss, setzt er sich neben sie im Korridor des Krankenhaus. Ihnen gegenüber will er nicht sitzen, denn dann müsste er ihnen in die Augen schauen - und das erfordert Kraft. Die Kraft ihren Schmerz zu ertragen hat er nicht.

Der Arzt bestellt eine junge, schwangere Frau ein und setzt sich neben sie. Er teilt ihr die traurige Gewissheit mit: Die Frau, die Zwillinge gebären wird, ist an Krebs erkrankt, sie hat nicht mehr lange Zeit zu leben.

Die junge Frau behält das Geheimnis erst einmal für sich, ihrem Ehemann will sie es zunächst nicht mitteilen. Sie beschäftigt sich mit dem Leben ihrer Familie nach ihrem Tod. Sie stellt sich vor wie ihre Kinder ohne sie aufwachsen werden müssen. Um ihnen etwas mit auf den Weg zu geben, spricht sie zu ihren nächsten Geburtstagen auf Kassette. Sie kommentiert ihre Entwicklung im voraus. Später wird sie ihren Mann bitten, diese Kassetten zu den Geburtstagen ihrer Kinder abzuspielen. Sie spricht darin ihre Kinder direkt an: Sie beglückwünscht sie, spricht ihnen Mut zu und drückt ihre Sehnsucht nach ihnen aus.

2 Monate nach der Geburt ihrer Zwillinge stirbt die Frau.

Sonntag, 18. September 2016

Im Stollenwerk der Seelen

Nur unter der Oberfläche der Dinge lässt sich etwas Verwertbares finden.

Deswegen wagen wir Minenarbeiter uns tief in das von Asbest geschwängerte Schattenreich derer, die wir bis zur Unkenntlichkeit lieben.

Der Druck auf die Schächte in ihren Seelen, in denen wir uns vorankrebsen, wächst, je weiter wir gehen. Und je weiter wir gehen, desto größer wird der Druck etwas zu finden. Noch schwerer aber wiegt das Risiko, dass Stollen wie Zahnstocher einknicken und uns lebendig begraben in ihren Herzen. Kommt es dazu, ist es fast schon „besser“ sofort begraben zu werden. Denn wer in einer Luftblase überlebt, wird qualvoll ersticken. Hilferufe werden nicht erhört, wenn überhaupt als leise Klopfsignale überhört.


Kann sich noch jemand an die chilenischen Minenarbeiter erinnern, deren medial inszenierte, dramatische Rettung weltweit für Aufsehen sorgte? Unglaublich viele Menschen nahmen Anteil daran, beteten oder leisteten Hilfe. Warum eigentlich?


Weil sie sich unter den Verschütteten selbst fanden. Weil sie sich hinter den verkrusteten, pechschwarzen Gesichtern, die monatelang in der Dunkelheit ausharren mussten, wiedererkannten. Schließlich ist jeder Minenarbeiter, der in den Seelen der anderen gräbt - und nichts anderes ist Lieben.

Wer davon bedroht ist im Herzen eines anderen lebendig begraben zu werden, wird die Hoffnung wie die verschütteten Minenarbeiter nicht aufgeben. Er wir seiner Rettung entgegenfiebern, darin dass seine "Klopfzeichen" erhört werden.

Paradoxerweise überlebt mehr die Erinnerung an Gerettete als an diejenigen, die es nicht schaffen. Für letztere wäre die Erinnerung eigentlich angebrachter. Eine Erinnerung wie ein Strauß Blumen, den man an das Grab der mutigen und verunglückten Gefühle legen müsste.

Jeder ist Minenarbeiter, der das Risiko eingeht, vergessen zu werden - denn nichts anderes ist Verschüttetwerden. In den Goldminen unserer Auserwählten graben wir uns voran. Weiter und weiter, immer auf der Suche nach verwertbaren Rohstoffen, die wir gegen Zuneigung und Glück eintauschen wollen.

Jeder ist Minenarbeiter, der sich auf und in die Seelen anderer einlässt. Jeder, dessen Augen sich an die Dunkelheit der Seelen gewöhnen, und der ein Weniger an Dunkelheit schon als Licht empfindet. Wir graben uns mit unseren Fingernägeln voran, stoßen auf Granit, geben nicht auf. Irgendwann ist die Hoffnung, etwas zu finden, größer als die Strecke, die man zurückgelegt hat. Dann gibt es kein zurück mehr. Entweder man findet das Glück oder das Herz des anderen wird einem zum Grab.

Wenn man dann doch gerettet werden sollte, besteht die Kunst darin, sich in dem wiederzufinden, das die anderen entdeckt haben wollen, und sich nicht darin zu verlieren.

Bye, bye, Kenya!

Wie verzweifelt muss ein Mensch sein um sein Leben auf Schlauchbooten im Mittelmeer zu riskieren?

Die Antwort liegt in den zerbombten Kraterlandschaften von Syrien oder in den Slums von Kibera in Kenia.

Kibera ist eines der größten Armenvierteln der Welt, Ende April waren wir dort unterwegs als Ärzte im Rahmen unserer gemeinnützigen Stiftung. Seitdem ist Armut kein abstrakter Begriff mehr für mich.

Die einzige Möglichkeit ihr zu entfliehen, besteht darin sein Leben zu riskieren und in Booten das Mittelmeer zu überqueren. Genau genommen haben sie dabei nichts zu verlieren: Sie riskieren ein Leben, das genaugenommen keines ist. Das Leben in diesen Slums kann man wohl kaum als ein menschenwürdiges Leben bezeichnen. Und ein Leben ohne Würde ist kein lebenswertes Leben. Also gilt es diesen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen und ihre Verzweiflung auf dem Mittelmeer als Ausdruck ihres würdelosen Lebens richtig zu deuten.

In diesen Armenvierteln müssten sie für Trinkwasser täglich bis zu 10 km zu einem Brunnen laufen. Es gibt weder Schulen, noch medizinische Einrichtungen. In Vierteln, in denen es keine Toiletten gibt, grenzt es auch an einem Wunder gesund zu bleiben.

Wir verteilten Nahrungsmittel und führten medizinische Untersuchungen durch. Auffällig war, dass sich die Frauen nur selten bei uns bedankten. Allmählich verstand ich, dass das kein Ausdruck von Undankbarkeit war: Wer vom Leben niemals etwas erhalten hat, wird schlichtweg auch keine Dankbarkeit entwickeln können. Sie sind offensichtlich nicht oft in die Lage gekommen sich für irgendetwas zu bedanken.

Das alles fängt schon damit an, dass Kinder als Waisen auf die Welt kommen. Die Müttersterblichkeit bei der Geburt ist hoch und möglicherweise hat sich auch der Vater vorher "verabschiedet". Manchmal sind die Eltern aufgrund einer eigenwilligen Sexulamoral an AIDS erkrankt und der Krankheit schließlich zum Opfer gefallen Dann gibt es eben ein Heer von Waisenkindern. Wenn sie Glück haben werden sie dann in eines der Waisenhäuser aufgenommen, die von europäischen Missionaren verwaltet werden. Dort können sie in dem Glauben aufwachsen, dass sie zumindest von jemandem, Gott, geliebt werden. Obwohl ich Missionarismus kritisch gegenüberstehe, halte ich ihn in dieser Form für zulässig.

In der Rangliste der "glücklichsten Länder der Welt" ist Kenya an 122. Stelle. Dennoch können die Kenyaner lachen. Weil sie glücklich sind? - Sicherlich nicht! Armut macht unglücklich, Reichtum nicht glücklich. Warum lachen sie also? - Weil ihr Schicksal sich schon bei ihrer Geburt abgezeichnet hat. Sie alle teilen die gleichen Bedingungen, wenige unter ihnen haben bessere Startbedingungen. Es gibt keine Vergleichsmöglichkeiten, keine Aussicht auf ein besseres Leben, keine Sehnsüchte, die sie unglücklich machen könnten. Im fernen Europa macht uns der Glaube unglücklich, dass das große Glück irgendwo deponiert ist und uns entgeht. Das Unglück der Kenianer ist anderer Art: Alle haben ein vergleichbares Schicksal und in einer fatalistischen Art sind sie alle darin vereint. Keinem geht es besser oder schlechter als dem anderen. Keiner hat ein schnelleres Auto, ein größeres Haus oder mehr Geld auf dem Konto - sie alle sind gleicharm. Also bleibt ihnen nur eines: Entweder sich ihrem Unglück hinzugeben oder sich auf den Weg nach Europa zu machen, dorthin, wo glückliche Menschen leben sollen. Sie können nicht wissen, was sie dort erwartet.

Unsere Hilfe mag ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen sein, aber man könnte auch sagen, dass sie ein Tropfen im Meer war: Er geht nicht verloren. Und „wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt.“

Mittwoch, 24. August 2016

İnanılmaz

Karanlık günlerimde, Allah'a sığınmamak için direnir, ona çaresizlikten şartlanmak istiyemezdim. Belkide çocuksal bir gurur meselesiydi bu. Ona kurtarıcı sıfatından dolayı sarılmak, kolayına kaçmak, yüzsüzlük gibi gelirdi bana. Huzuruna temiz elbiselerimle çıkmak için doğru ani bekler durur, saçı sakalına karışmış bir esir gibi önüne sürülmek istemezdim. Ve "ticari" nedenlerden inanmak hiç istemezdim.

Hala dualarda hiç birşey talep etmem, bu bana görgüsüzlük, ticaret gibi gelir. Yaratanın gönlünden kopmuş olan, zaten bedenimizdedir, ruhumuzdur.

Das Paradies..

... ist kein Ort, das Paradies ist ein seelischer Zustand, den man schon zu Lebzeiten erreichen muss, weil man es kann. Das ist die Eintrittskarte.

Das Paradies als die Psyche, die richtige geistige Haltung.

Die dafür erforderlichen moralisch richtigen Taten prägen einen tugendhaften Charakter, der sich in seiner Wirkung selbst als lustvoll empfindet.

Ziel ist der Einlass in ein moralisches System, in das man seelisch verankert wird. Es werden Charakter und Tugenden ausgebildet, was den eigentlichen Lohn ausmacht.

Der kleine Prinz

Sie haben  kein "großartiges" Gefühl für die Vergangenheit, ihr Gedächtnis ist noch weitgehend unbeschrieben. Folglich können Kinder auch auf keinen großartigen Erfahrungschatz zurückgreifen und daraus Vorstellungen für die Zukunft die Zukunft ableiten.


Sie wollen so schnell wie möglich "groß" werden, weil sie damit eine größere Auswahl an Handlungsmöglichkeiten verbinden. Sind sie dann erwachsen, werden sie sich allmählich der unvermeidlichen Einschränkung ihrer Freiheit bewusst, die man "Verantwortung" nennt  und der man nicht entwachsen kann.

Dann wollen sie "das Kind" in sich wiederentdecken. Da sie nicht älter werden wollen, bemühen sie sich das Verhalten der Jüngeren zu imitieren, statt ihrem tatsächlichen Alter gerecht zu werden. Sie versuchen krankhaft an den Wünschen und Bedürfnissen der Jüngeren festzuhalten und sie zu demonstrieren. Und sie erkennen nicht wie lächerlich sie sich dabei machen.

Das Poblem mit den Traditionen

Gewisse religiöse Fundamentalisten stellen die Zeit in Frage: Sie können sich nicht nicht damit anfreunden, dass sie vergeht. Im Grunde genommen haben sie ein Problem mit der Vergänglichkeit, mit Umständen, die sich ändern, auf die man sich flexibel einlassen muss. Sie blenden die Tradition komplett aus und sind krampfhaft bemüht die Begleitumstände einer verklärten Zeit wiederherzustellen, weil sie diese mit jener gleichsetzen. Sie sind wie komplexbeladene Alternde, die  lieber die natürlichen Anzeichen der Zeit wegretuschieren und ihre Haare färben, anstatt geistig zu reifen. Weil sie in ihrer Jugend Glück hatten, versuchen sie die Umstände zurückzuholen, unter denen sich damals das Glück einstellte, mit der Hoffnung, dass nochmal eine Runde "Glück" ausgegeben wird. Doch das Schicksal kennt keine Wiederholungen.

Demnach kann man die Tradition als Fundamentalist verdammen und sich in einem vermeintlichen Reinheitswahn nach einem ursprünglichen Zustand sehnen oder man kann sich extrem an die Traditionen klammern und mit ihnen erstarren. Beides Extreme.

Die Zeitlosigkeit

Das Jenseits wartet am Ende der Zeit, es selbst ist zeitlos. Es hat auch keine Zukunft, weil Zukunft Zeit voraussetzt. Das Jenseits ist vielmehr ein Zustand, in dem die Zeit, die das Leben ausmacht und begrenzt, aufgehoben ist. Es ist ein Zustand der nicht vergeht, weil Vergehen Zeit voraussetzt. Das Zeitgefühl, das unser Bewusstsein prägt, wird aufgehoben, wir münden ein in einen zeitlosen Zustand. Schon zu Lebzeiten kann man einen Vorgeschmack dafür bekommen: In der Gedankenversunkenheit, im Zustand des Flow, der Trance, im mystischen Erlebnissen, wenn das Bewusstsein transzendiert werden. Interessanterweise versucht der Mensch sein Bewusstsein durch Exzesse auszuschalten und sich zu verlieren, fürchtet aber nichts mehr als ihren dauerhaften Zustand: die Demenz.

Reinkarnation

Der Tod des Individuums bedeutet nicht den seiner Spezies: Der eine schließt die Augen und stirbt, während zur gleichen Zeit jemand die Augen öffnet und zu leben beginnt. In dieser Hinsicht gibt es tatsächlich eine Wiedergeburt, die der Spezies Mensch. Die Taten als seelische Fingerabdrücke des Verstorbenen bleiben im Weltgeschehen, im Gesamtpool der Taten der Menschen, so dass sie alle durch ein "Nachspiel, eine Verkettung von Ereignissen, tatsächlich auf jemanden zurückfallen können, der ohnehin von den Initiatoren der Taten und der Vorfahren im Geiste geprägt ist und somit gewissermaßen einen "Wiedergeborenen", einen Seelenverwandten, darstellt.

Dienstag, 15. März 2016

Unser humanitärer Einsatz in Kenya


Mein Einsatz im Rahmen einer humanitären Projektes in Kenya kommt näher und näher.

Was erwartet uns dort als Ärzte? Wieviel von unserem Idealismus wird diesen Einsatz angesichts der vorzufindenden, ernüchternden Realität überleben?

Zeit sich noch mal klar zu machen, wie ich dazu komme, mich einem türkischen Ärzeteam anzuschließen, das in einen kenianischen Krankenhaus humanitäre Hilfe leisten will.

"Idealismus setzt Freiheit voraus," das habe ich während meiner klinischen Arbeit in Deutschland verstanden: Wenn der Arbeitsdruck groß ist und alles durch Algorithmen und Leitlinien reglementiert ist, bleibt kein Raum für Idealismus. Alles was man dann tut, erfolgt aus der Pflicht heraus. Man muss dabei einem äußeren "Ideal" entsprechen  - Idealismus dagegen ist   internalisiertes Pflichtbewusstsein. Er kann nur erfolgen, wenn der zusätzliche Wille (ein Bonus) die Pflicht übertriffen kann. Wenn die Arbeitsbelastung groß genug ist, wird man irgendwann schlichtweg nicht die Kraft und Einsicht haben eine wohlwollende Zusatzleistung zu erbringen - und nichts anderes ist Idealismus.

Dieser Idealismus ist also mitunter ein Grund, warum ich nach Kenya fliege. Jegliche Arbeit dort, wie einfach sie nach deutschen Masstäben auch wäre, wird als Idealismus zu verzeichnen sein. Was aber, wenn die Arbeitsbelastung, auf die ich mich aus idealistischen Motiven einlasse, so groß wird, dass ich diese humanistischen Gefühle in jenen Momenten nicht mehr nachempfinden kann? Wird mein zukünftiger Idealismus dadurch keinen Schaden nehmen?

Zur Philosophie kam ich, nachdem man meinen Verstand tatsächlich angezweifelt hatte. Nun lag es an mir den in mir angezettelten Zweifel durch den "methodischen Zweifel", den man in der Philosophie als Mittel zur Annäherung an die Wahrheit anwendet, zu  beseitigen. Mich auf die "Kunst des Denkens" (Philosophie) einzulassen, war das vernünftigste, das ich machen konnte, um mich meiner eigenen Geisteskräfte zu vergewissern. Die Philosophie als Fortsetzung der Medizin, als Therapeutikum.

Nun waren Ethik und Moralphilosophie meine Fächer. Währenddessen hat jemand mal gesagt: "Die Philosophen haben die Welt nur gedeutet - es gilt aber sie zu verändern." Von der Theorie in den Vorlesungen nach Kenya ist es dann nicht mehr weit.













Mittwoch, 24. Februar 2016

Xenophobie

Für die Behandlung von Angststörungen ist es aus psychiatrischer Hinsicht wichtig zu verstehen, dass die Angst nicht gänzlich in dem Objekt der Angst "begründet" liegt, sondern dass es die eigene Wahrnehmung (!) ist, die sie auf das Objekt der Angst "projiziert". Sie ist also "kopfgesteuert" und nichts, was einen nur von außen kommend ergreift und überwältigt, wenn man selbst nicht die Voraussetzung dafür mitbringt.

Das ist wichtig, weil damit die "Schuldfrage" einhergeht: Der Rassist, der Angst verspürt, macht nämlich Flüchtlinge und Ausländer für sein selbstverschuldetes Delir verantwortlich.

Wie müsste die Therapie aussehen?

Rational. Indem der Betroffene seine Wahrnehmung ändert, dem "Angst - und Hassobjekt" ausgesetzt wird und die Angst aussitzt. Bis er merkt, dass von einem traumatisierten Flüchtling weniger Gefahr für Deutschland ausgeht als von ihm selbst durch sein eigenes hirnamputiertes Verhalten!

Das aber setzt einen Leidensdruck zur Therapie hin voraus, der durch ein "Vermeidungsverhalten" der ihn sanktionierenden Gesellschaft ausgelöst werden muss.

Der Xenophobe aber "lebt" praktisch von dieser Angst: Es definiert ihn geradezu als "Xenophoben", weswegen seine Motivation zur Therapie seiner "Angststörung" "logischerweise" klein ausfallen wird.

Er müsste sich eingestehen, dass er Rassist ist - was aber nicht passieren wird: Kein Rassist würde sich jemals als "Rassist" zu erkennen geben oder sich tatsächlich als solcher definieren. Wenn er das täte, wäre er auch angreifbar. Dafür müsste ein Feigling wie er schon die Anonymität des Internets oder des ihn umgebenden Mobs verlassen. Dann erst könnte man ihn als Menschen behandeln. Bis dahin bleibt er ein verwahrloster Komiker.




Die Furcht vor ihrer Integration

Die Schwester einer befreundeten Marrokanerin war mit ihrer Familie bei ihren deutschen Schwiegereltern in spe zum Essen eingeladen: Die deutsche Familie hatte von Anfang an Vorbehalte gegenüber der muslimischen Familie. Was sie aber nun verunsicherte, war nicht ihre Andersartigkeit, paradoxerweise war es gerade ihre Ähnlichkeit: Es wäre einfacher gewesen, wenn das, was sie als andersartig bestimmt hatten, auch andersartig ausgesehen hätte. Diese Araber dagegen sprachen so gut deutsch und waren so unauffällig, sie waren so gut "integriert", dass die Grenzen zwischen ihnen und den Deutschen verschwammen.

Von offensichtlich Andersartigen, kann man sich erheben. Vorurteile kann man sich bestätigen lassen, was ungemein beruhigend ist. Was aber, wenn die, denen die Vorurteile gelten sollen, nicht mehr die trennenden Merkmale aufweisen, die man bestimmt und ausgemacht hatte? Was, wenn sie einem augenscheinlich gleichen, ohne dass eine Assimilation erfolgt ist? Was dann?

[Deutschland:]Über die Ursachen der sozialen Kälte

Es ist paradox: Ziel des Sozialstaates und seiner Institutionen war es, seine Bürger, wenn es denn nötig sein sollte, durch ein soziales Netz aufzufangen. Die Mechanismen, um die Schwachen aufzufangen, greifen nun, doch langfristig kommt es zur Ausbildung einer Mentalität, die soziale Kälte und Einsamkeit verursacht. Der Sozialstaat verursacht umgewollt das, für dessen Beseitigung er eigentlich ins Leben gerufen worden war.

Wie das? - Nun, mit Ausbildung des Sozialstaates fühlt sich der Otto-Normal-Bürger von der Verantwortung für seine Mitmenschen befreit. Wenn der Staat einen Schirm für Notfälle bereithält, so die Mentalität, fühlt sich der Einzelne nicht mehr dazu "berufen", für seine Nächsten aufzukommen. Die staatlich Beschützten sehen sich ihrer Pflichten gegenüber ihren Mitmenschen entledigt.

Die sozialen Auffangmaßnahmen des Staates lassen seine Bürger seelisch verkümmern: Jehr mehr sie auf den Staat setzen, umso mehr büßen sie ihre soziale Ader ein und umso mehr vereinsamen sie. Und weil man in dieser Welt schon jemandem die Hand reichen muss, um einen Händedruck zu erhalten, steht am Ende der alleine da, der niemals gelernt hat oder gezwungen war, auf andere zuzugehen. Wer in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung um die wertvolle Erfahrung gebracht wurde, sich sozial einzubringen, wird zwar gemäß ihrer "Spielregeln“ weit oben in der Hierarchie stehen, er wird sich aber dort ziemlich vereinsamt wiederfinden. Das ist der Preis, den man ohne altruistische Natur bezahlt.

Nun ist es aber so, dass die kapitalistischen Spielregeln genau diesen Altruismus verhindern und einen zügellosen, egoistischen Individualismus fördern. Ist es in anderen Gesellschaften anders? Und, wenn ja: Wo?

Dort, wo der Staat aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen, keine vergleichbaren Instituitionen aufbauen konnte, sind Nachbarn, Nahestende und Angehörige in der Pflicht, wenn jemand zum Sozialfall wird. Inwieweit das greift, ist an dieser Stelle erst einmal nebensächlich.

Stirbt z.B. jemand und er hatte keine Angehörigen, die für eine würdige Bestattung aufkommen könnten, wird unter den Nachbarn Geld gesammelt. Stirbt in Deutschland dagegen jemand mittellos, übernimmt das Sozialamt die Kosten, damit alles ruhig über die Bühne geht.

Wird z.B. in der Türkei ein Familienältester pflegebedürftig, bleibt er oft bis zu seinem Tode im familiären Kreise. Die Angehörigen haben weder das Geld, um Pflegekräfte einzustellen, noch die Einstellung, ihren Nähsten z.B. in ein Altersheim oder in eine Hospizeinrichtung abzuschieben.

In Deutschland dagegen bestehen die finanzielle Möglichkeiten, so dass Pflegekräfte eingeschaltet werden oder Pflegeheime, Altersheime und Hospizen in Frage kommen.

Dort, wo die Möglichkeiten, wie gesagt, geringer sind, müssen sich eben mehr Menschen einbringen und die Last gemeinsam schultern. Das wiederum hat eine gewisse „soziale Bildung“ der Gesellschaft zufolge.

Die Menschen sind mehr auf sich alleingestellt, so dass sie notgedrungen mit anderen in Tuchfühlung bleiben müssen. Dadurch vereinsamen sie weniger, um auf die Anfangsfrage zurückzukommen. Sie sind weniger einsam, weil sie das Leid nicht in soziale Einrichtungen verlagern können - was nicht bedeutet, dass sie weniger hilflos sind. Möglichkeiten zu Mitgefühl und Mitleid als unabdingbare Notwendigkeit, um Einsamkeit zu überwinden, sind in Ländern ohne Sozialstaat demnach eher gegeben. Kein Grund, den Sozialstaates nicht wertzuschätzen, und auf seine Notwendigkeit nicht hinzuweisen. Ganz im Gegenteil. Nur ein Apell an ihre Bürger, nicht alles als natürlich hinzunehmen und ihrer Verantwortung gerecht zu werden.


[Philosophie:] "Ich denke, also bin ich."


Es gibt verschiedene Wege die Welt kennenzulernen: Die schönste Form ist sicherlich mit Liebe. Ein anderer Zugang zur Welt ist über den Glauben. Die Liebe ist eine Sucht, der Glaube gewissermaßen ein Wahn. Dann gibt es noch die Philosophie, das Streben sich die Zusammenhänge der Welt bewusst zu machen. Wenn man Dostojewski zu Wort kommen lässt, ebenfalls therapiebedürftig:"Ich schwöre Ihnen, meine Herrschaften, dass zuviel Bewusstsein - eine Krankheit ist, eine richtige, regelrechte Krankheit."

Liebe und Glauben sind sich in ihrem Wesen ähnlich: Wer liebt, will an jemanden glauben. Wer glaubt, fühlt sich einem idealen Wesen nah und ist ihm verbunden wie bei der Liebe. Liebe und Glaube können glücklich machen. Am größten sind die Chancen, wenn man sich auf der Ebene der Vernunft bewusst macht, was das Wesen von Liebe und Glauben ist und was ihre Degenerationserscheinungen darstellt. Und diese Tätigkeit der Vernunft ist die Philosophie.

Jetzt bin ich also bei der Philosophie gelandet. Im letzten Semester war ich als Gasthörer der Philosophie an der Universität eingeschrieben. Es waren interessante Themen wie "Descartes und der Beginn der neuzeitlichen Philosophie", "Klassische Rechts - und Staatsphilosophie" und "Moralphilosophie von Aristoteles bis Kant". In diesem Semester warten auf mich "Vernunft und Glauben", "Einführung in die analytische Ethik" und "Grundbegriffe der theoretischen Philosophie".

So wie man kein Mathematiker sein muss, um rechnen zu können, muss man kein Philosophiestudium absolviert haben, um philosophieren zu können. Deswegen strebe ich auch keinen Abschluss ab. Im Grunde genommen sind meine Motive dem Fach gegenüber ehrlicher als der vieler "meiner" Kommilitonen, denen es mehr um den einen oder anderen Schein zusätzlich zu ihrem Hauptfach geht.

Was aber verspreche ich mir von der Philosophie? Von welchem Verständnis für Philosophie gehe ich aus?

Erst einmal ist Philosophie nicht Philosophiegeschichte, wie es der Gesellschaft in vielen populärwissenschaftlichen "Bestsellern" verkauft wird. Es geht nicht darum, sich die Weltbilder der Philosophen anzueignen. Wer nur die Meinungen der Philosophen übernimmt, hat die Philosophie nicht wirklich verstanden. Es geht um Selbstreflexion und die Kunst des Denkens. Es geht um eigene Denkwege und eine Wahrheit, die mehr den eigenen Umständen entspricht und ihr Rechnung trägt.

Man lernt Vorurteile als solche zu erkennen und nicht ungeprüft Meinungen zu übernehmen. Wer einmal gelernt hat mittels der Logik eigenständig Gedankenoperationen durchzuführen, kann sich an jedes Thema annähern und der Wahrheit schrittweise näherzukommen. Wer sich kritisch mit den größten Denkern auseinandergesetzt hat, lernt die Ehrfurcht vor vermeintlichen Autoritäten abzulegen wie einen Strauß Blumen vor ihrem Grabstein. Man hört dann auf, sich bei seiner Argumentation auf andere zu berufen und lernt sich einzig und allein auf seine eigene Vernunft und Urteilskraft zu verlassen.

Vor dem Hintergrund der zeitlosen Themen lernt man, dass die meisten Informationen (Medien), mit denen man im Alltag abgespeist wird, eigentlich Antworten auf Fragen sind, die sich so nicht stellen dürften. Sie sind schlicht irrelevant.

Als würde man auf seine Gesundheit achten, lernt man durch die Philosophie auf seine Wahrnehmung zu achten, auf seine Gedanken und Vorstellungen. Schließlich gibt es einen Zusammenhang zwischen unseren Vorstellungen und unserem Wohlbefinden: Wenn unsere Gedanken und Einschätzungen unser Schicksal bestimmen, wird die Kunst des Denkens zum Ruder im Strom des Schicksals.

Die Währung der Vernunft sind Argumente. Man lernt falsche Argumente wie Falschgeld zu erkennen. Zur Vernunft gehört aber auch die Erkenntnis der Grenzen der Vernunft. Der Zweifel wird zur Methode - nicht zum Ziel.

Philosophie ist die Fortsetzung der Medizin - nur mit anderen Mitteln. Insofern ist sie für meine ärztliche absolut relevant. Schließlich geht es in der Medizin auch um die gesellschaftlichen Faktoren, die ein Individuum krank machen. Es sind Ängste und falsche (Vor)Urteile, die ein Individuum an der pathogenen Gesellschaft erkranken lassen. Ein Arzt, der etwas von Philosophie versteht, kann jene spalten wie einen Abszess.

Interessanterweise musste ich auf einer kardiologischen Station arbeiten, um bei der Philosophie anzukommen: Die Philosophie als Operation am offenen Herzen.














Glaube im Sinne der "Aufklärung"

Als ich vor 3 Jahren nach Mekka reiste, wollte ich eine religiöse Erfahrung machen. In einer Zeit, in der die Wahrnehmung des Religiösen durch politischen Ideologien und  durch Vorurteile verzerrt ist, wollte ich sozusagen an der "Quelle" erfahren was "Glauben" bedeutet. Es sollte eine subjektive Erfahrung werden - auf der anderen Seite hatte ich die Schriften von Wiliams James dabei, dem Vater der modernen Psychologie und Religionspsychologie.


In Leinentüchern, die an Leichentücher erinnern, umrundeten wir die Kaa'ba, das Herzstück des Islam. Es war als würden wir die "Generalprobe des Jüngsten Tages" absolvieren, um dann eine 2. Chance zu erhalten und zurück ins Leben zu dürfen. Nach einem Aufenthalt in der Zeltstadt auf dem Berg Arafat, pilgerten wir zu den "Säulen des Teufels", um sie symbolisch zu steinigen. Dann endlich erhielten wir den Titel "Haci", der einen großen Stellenwert in der islamischen Welt besitzt und mit Pflichten einhergeht.

Zurück in Deutschland machte ich mir viele Gedanken über das, was ich in Mekka und Medina erfahren durfte. Als Gasthörer besuchte ich Vorlesungen an der Universität über "Vernunft und Glauben" und beschäftigte mich mit Religionsphilosophie. Faszinierend fand ich die vernachlässigten mystischen Strömungen des Islams, den Sufismus, der ein Gegenpol zum "orthodoxen Religionsverständnis" bilden.

Mein Ziel war es nun "Vernunft" und "Glauben" miteinander zu versöhnen und heilsam auf Jugendliche in meiner Umgebung einzuwirken, die durch gesellschaftliche Ausgrenzung von einer Radikalisierung bedroht sind.

Dafür muss ich erkennen, was ein "gesunder Glauben" ist. Eine Frage, die schwierig zu beantworten ist, da es keinen standardisierten Glauben gibt. Was aber ganz sicher ist: Um lebendig zu sein, darf er sich nicht in Ritualen erschöpfen, sondern muss in der Ausgestaltung einer persönlichen Beziehung zu Gott erfolgen. Um aufrichtig zu sein, muss er stillschweigend erfolgen und nicht als demonstrierte Religiosität dahergehen. Er darf nicht arrogant oder missionarisch sein.

Bedroht ist diese Ausgestaltung durch die Politisierung der Religion. Nicht förderlich für eine subjektive religiöse Erfahrung sind paradoxerweise religiöse Institutionen, wenn sie strikte standardisierte Glaubensvorlagen liefern und die alleinige Deutungshoheit für sich beanspruchen. Zum zweifelhaften Ruhm hat es in dieser Hinsicht der Vatikan gebracht - mit all seinen vergreisten "Angestellten" und seinen verknöcherten Strukturen.

Jedes Religionsverständnis, das den Menschen in seinen Fähigkeiten lähmt und handlungsunfähig macht, lehne ich ab!

Aber auch jede "Verteufelung" des Glaubens, der ein Grundbedürfnis des Menschen ist! Vermeintliche Aufklärer sind in ihrer blinden Intoleranz gegenüber jede Form des Glaubens den Fundamentalisten näher als sie glauben. Was sie nicht verstehen wollen: Gerade ein "richtig" ausgelebter Glaube ist im Sinne einer richtig verstandenen "Aufklärung"  das stärkste Bollwerk gegen Radikalisierung und Fundamentalismus! Statt ein gesundes Religionsverständnis zu fördern, verschwenden sie ihre Kraft darin die Vernunft gegen den Glauben auszupielen.

Was klar sein sollte:

Wenn man Gott weder beweisen noch widerlegen kann, sollte niemand, Menschen für "dumm" verkaufen, die sich für den Glauben entscheiden! Wer sich für ein "richtiges" Glaubensverständis einsetzt, tut mehr gegen Fundamentalismus als jemand, der den Glauben als Ganzes kategorisch ablehnt und damit einer Radikalisierung Vorschub leistet!

Im Herzen des Islam

In der "Mescid-Al-Haram", dem größten Heiligtum des Islam, klappte es mit der Verbindung nach Deutschland: Über unsere Smart-Phones konnten meine Eltern in Deutschland und ich eine "Live-Übertragung" herstellen. Mit dem Rücken zur Kaaba hielt ich das Gerät in die Höhe, so dass meine Eltern mich sehen und meinen Standort indentifizieren konnten. Es war rührend, ich war tatsächlich dort und meine sichtlich stolzen Eltern konnten Anteil daran nehmen. Ich war tatsächlich dort - dort, wohin sich alle Moslems der Welt zum Gebet ausrichten. Es war meine ganz persönliche Mond-Landung: Ich fühlte mich wie jemand, der seine Welt verlassen und gerade eine Funkverbindung zur Erde hergestellt hatte. Der Vergleich ist gar nicht so abwegig: Wie um eine Sonne drehen sich hier alle Gläubigen seit Menschengedenken um die Kaaba, dem Allerheiligsten des Islam. Die Kaaba ist ein Quader, der zur Hadj mit einem schwarzen Tuch bedeckt wird. Dabei ist auf dem Tuch mit goldenen Fäden eine Sure aus dem Koran eingestrickt.

Um Mitternacht hatten wir uns als Gruppe zu dem Moscheekomplex begeben. Ein Teil der Gruppe beschloss bis zum folgenden Mittag auszuharren und das Gebet innerhalb der "Mescid-Al-Haram", unmittelbar vor der Kaaba, zu verrichten. Das würde ein Erlebnis sein, wozu die meisten von uns nie wieder Gelegenheit haben würden. Doch je näher wir unserem Wunsch kamen, desto beschwerlicher wurde es:

Ab einem bestimmten Zeitpunkt wurde der Zugang zum Moscheekomplex versperrt. Niemand konnte mehr rein oder raus. Wir begaben uns in die vordersten Reihen und setzten uns auf Tücher, die wir später als Gebetsteppiche benutzen würden. Damit war auch der Raum abgesteckt, der jedem zustand. Um uns herum setzten sich immer mehr Menschen, so dass es immer dichter wurde und niemandem mehr als etwa ein Quadratmeter Platz zur Verfügung stand. Sich hinlegen oder die Beine ausbreiten, war schlichtweg nicht mehr möglich. Entweder musste man sich hinknieen oder sich in Schneidersitz begeben. Ich kam mir vor wie auf einem Floß mitten in Ozean. Um uns herum ein Meer von Menschen, über uns die brennende Sonne. Wir kauerten auf unserem Tuch. Aber nicht nur der begrenzte Raum war das Problem:

Es wurde schließlich Morgen und die Temperaturen kletterten bis 35°C. Auch war unser Wasservorrat begrenzt. Zwar konnte man sich Wasser holen gehen, würde aber seinen Platz gefährden. Auch war das Problem, dass eine neue zeremonielle Waschung nötig sein würde, falls wir Wasser ausscheiden müssten. Und hierfür waren die Möglichkeiten schlichtweg nicht gegeben. D.h. während wir in der glühenden Hitze auf engstem Raum ( insgesamt 6 Stunden!) ausharren mussten, durften wir gleichzeitig nur wenig Wasser trinken. Wie gesagt, es war wie auf einem Floß im Ozean: Wasser durften wir nicht trinken, auch wenn es kein Salzwasser war, das uns austrocknen würde.

Wir versuchten unseren Kopf vor der Sonne zu schützen. Die letzten Reihen schlossen sich und die Pilger wurden von Sicherheitsbeauftragten immer mehr gemaßregelt. Während die Zeit nicht vergehen wollte und die Strapazen zur Qual wurden, spielten sich um uns rührende Szenen ab: Die Menschen begannen ihr wenig Wasser zu teilen - mit Leuten, die sie gar nicht kannten und mit denen, sie zum ersten mal in Augenkontakt kamen: Wer etwas Wasser bekam, schaute sich einfach um und falls er meterweit von sich jemand Alten oder Bedürftigen sehen sollte, warf er ihm einfach die Plastikflasche zu. Die Menschen aus allen Herren Ländern lächelten sich als Dank dafür einfach nur an - was Dank genug war! Die Menschen teilten ihre Kekse und schützten andere durch ihre Tücher vor der Sonne. Es lag ein Athmosphäre der Brüderlichkeit in der Luft, die alle berührte und zusammenschweißte. Ich werde dieses Gefühl niemals vergessen. Sie war die eigentliche religiöse Erfahrung, nach der ich gesucht hatte.


Freitag, 19. Februar 2016

Kein Idealismus ohne Freiheit

Dort, wo Pflichten alles reglementieren, ist es schwierig Idealismus zu entwickeln oder ihn zu bewahren. Denn Idealismus setzt Freiheit voraus, die Freiheit ein Ideal zu verwirklichen. Wenn dieses Ideal aber schon von "amtswegen" gesetzt ist, d.h. wenn die berufliche Pflicht und die Verantwortung das Ideal von vornherein einfordern, wird dadurch der Weg zum persönlichen Idealismus erschwert. Im Grunde genommen ist das auch gut so: Denn wo wären wir denn, falls gute Taten immer vom persönlichen Idealismus eines Einzelnen abhängen würden und nicht "systembedingt", durch Leitlinien, zustande kämen? Und dennoch ist es für den Arztberuf, der von Idealismus lebt, schädlich: Denn Arztsein lebt von Herzblut und nicht von steriler Professionalität! Die ärztliche Tätigkeit sollte weniger aus dem Gefühl heraus betrieben werden, um "aus dem Schneider zu sein", d.h. um das Mindeste zu tun, um juristisch nicht mehr belangt werden zu können. Ärztlich tätig sollte man mehr, um jemandem etwas Gutes zu tun - was viel mehr ist, als etwas zu tun, weil Leitlinien der Ärztekammer einen dazu "zwingen".

Kliniken und Nebenwirkungen

Ob er denn den Druck auf seinen Schultern spüre, den der Beruf bei solch´  einem renommierten Fußballverein mit sich bringe? Die Antwort des walisischen Trainers an die Sportjournalisten war ehrlich und unerwartet: Ja, die Arbeit sei stressig und belastend, aber wahrer Druck sei etwas ganz Anderes: Wahrer Druck sei der, der auf den Schultern von Minenarbeitern mit schwarzen Gesichtern laste, die tief unterhalb der Erdoberfläche bleischwere Luft einatmen müssen.


Es liegt aber nicht nur am Druck, dem wir permanent ausgesetzt sind, dass ich mir manchmal wie ein Minenarbeiter vorkomme. So muss ich in den Wintermonaten in den dunklen Morgenstunden zur Arbeit und kehre erst in den dunklen Abendstunden wieder zurück - als wäre die Sonne niemals aufgegangen! Wenn ich dann noch Nachtdienst habe, sehe ich die Sonne zwar am nächsten Morgen nach 24 Stunden, aber nur kurz bevor ich mich dann in der Helligkeit schlafen legen darf.


So hat - wie jeder ernsthaft ausgeübte Beruf - auch der des Arztes seine Schwierigkeiten: Schließlich ist es kein Beruf, den man nach der Arbeit einfach so ruhen lassen kann: Ist man Arzt, bleibt man es auch nach der Arbeit. Man kann ja nicht einfach sagen "Leute, ich habe Feierabend, also nehmt Rücksicht und bleibt gesund!" Natürlich wäre es wunderbar, wenn das gehen würde - ich meine im Sinne der Gesundheit der Patienten! ;-)


Nein, man ist auch nach der Arbeit Anlaufstelle für seine Mitmenschen. Nur sind einige gestellte Fragen schwieriger zu beantworten als in der Klinik: Denn schließlich fehlen einem jegliche diagnostischen Mittel, die in der Klinik zur Verfügung stehen. Man kann dann zwar spekulieren, worauf diese oder jene Beschwerden zurückzuführen sein könnten, aber eine Konsequenz hat dies - falls es nichts Akutes sein sollte - leider (?) nicht: Der Freund oder Angehörige, wird am nächsten Tag definitiv keinen Arzt aufsuchen! Egal, was man sagt oder empfiehlt, gegenüber den Ratschlägen von Ärzten herrscht eine gewisse Gleichgültigkeit, solange der Leidensdruck nicht groß genug ist. Besonders wenn ich in meiner "Freizeit" konsultiert worden bin, empfinde ich es als ernüchternd, wenn meine Ratschläge im Anschluss in den Wind geschossen werden. Wenn man sich mit der medizinischen Akribie eines Dr. House der Sache annahm und dann tatsächlich kommentarlos ignoriert wird. ;-)


Den Patienten in der Klinik kann man sagen, wie sie sich verhalten sollen. Ob sie es dann tatsächlich tun oder nicht tun, ist ihre eigene Verantwortung. Im privaten Umfeld dagegen schadet einem das ungesunde Verhalten seiner Nächsten auch selbst. Denn schließlich hängt man an Ihnen und sieht, wohin sie mit diesem ungesunden Verhalten hinsteuern. Zu sehen wie sie medizinische Ratschläge in den Wind schießen, schmerzt einen besonders, weil man täglich mit Krankheitsbildern konfrontiert ist, die eben auf jenes vermeidbare ungesunde Verhalten zurückzuführen sind. Das Problem ist folgendes: Die Voraussetzung für eine gesunde Arzt-Patienten-Beziehung ist schlichtweg die ärztliche Autorität. Und genau diese fällt bei der Behandlung von Freunden weg. Von der Unmöglichkeit seine eigenen Eltern zu behandeln - das wird jeder Arzt bestätigen können- will ich hier nicht mal reden. ;-)

Die Psyche des Pflegebedürftigen

Ramon wollte sterben. Nicht weil er das Leben nicht liebte, sondern deshalb, weil er es tat. Für ihn bedeutete Leben Autonomie, und diese war seit seinem Unfall nicht mehr gegeben. Er hatte die Tiefe des Meeres falsch abgeschätzt und war von einer Klippe gesprungen. Seitdem war er von der Halswirbelsäule abwärts querschnittsgelähmt.

Er hatte ein Lächeln, das mich an den Gesichtsausdruck von Delphinen erinnert, die in Gefangenschaft leben: Sie scheinen immerzu zu lächeln. In Wirklichkeit es ist kein Lächeln, ein anderer Ausdruck ist ihnen schlichtweg nicht eigen. Dieses "archaische Lächeln" ist ihnen eingebrannt und wird ihnen letztendlich zum Verhängnis: Die Menschen glauben dieser Gesichtsausdruck stehe für Zufriedenheit, wenn sie im Zoo vor einem gelangweilten Publikum synchron durch Ringe springen. Das "Lächeln" wird ihnen zum Verhängnis: Sie verkümmern gedemütigt, auch wenn sie zweifelsohne aufopferungsvoll versorgt werden. Sie gehen allmählich zugrunde, denn selbst eine Gefangenschaft im goldenen Käfig kann die Freiheit nicht ersetzen.

Mir Ramos war es nicht anders. Sein Stolz und Bedürfnis nach Autonomie machten ihn verlegen, jedes Mal, wenn man ihm etwas Gutes tat. Das Gefühl seinen „Gönnern“ nicht zu genügen, beschämte ihn. Nur ein Lächeln konnte er dem entgegensetzen, ein archaisches Lächeln, das ihn auf die Dauer zermürbte. Deswegen wollte Ramos sterben - nicht, weil er das Leben nicht lebte.

Das Leben ist keine medizinische Prognose

"Das war vor 20 Jahren...", stellte der Professor fest und ließ seinen Blick über den vollen Hörsaal schweifen. Die Studenten waren sichtlich betroffen und verstummt, man hätte eine Nadel fallen hören können. Die Vergänglichkeit hatte uns auch hier eingeholt:

Im Rahmen der Vorlesungsreihe über Medizinische Psychologie, hatte uns der Professor von einem tragischen Schicksal erzählt: Seinem Freund hatten die Ärzte die Diagnose "Krebs im Finalstadium" gestellt. Er hatte demnach noch ein halbes Jahr zu leben...

Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf Hiobsbotschaften: Die einen ereilt eine vorgezogene Midlife-Crisis, sie stellen ihr Leben auf den Kopf und versuchen alles nachzuholen, was ihnen bisher verwehrt blieb. Die anderen gehen keine Änderungen ein, die sie daran erinnern könnten, warum diese Änderungen eintrafen. Sie krallen sich noch fester an ihr bisheriges Leben und behalten die gewohnten, Stabilität verleihenden Strukturen bei...

Der Freund des Professors jedenfalls brach mit seinem bisherigen Leben: Er ließ sich von seiner Frau scheiden, kündigte seinen Job. Er reiste, wechselte die Partner wie am laufenden Band und gab sich Exzessen hin. Der Angst vor dem Tod versuchte er mit einem orgiastisches Leben beizukommen.
Es war traurig sich zu vorzustellen, wie er alles verwarf, was er aufgebaut hatte - während er seinem vermeintlich unausweichlichen Schicksal zusteuerte...

"Das war vor 20 Jahren...", griff der Professor seinen Satz wieder auf.

 "...- Und dieser Mann lebt immer noch!" sagte er.

Eine ansteckende Freude griff um sich bis der ganze Hörsaal davon erfasst war. Wie der Professor weiteraufführte, hatte die statistische Lebenserwartung, mit denen manche Mediziner gerne um sich werfen, nicht zugetroffen. Vielleicht tun sie das, um Herr über das Schicksal zu sein, um keinen Kontrollverlust zu erleiden. Wie auch immer: Dieser Mann hatte allen Erwartungen zum Trotz überlebt. Es ging darum uns klarzumachen, mit Diagnosen, Statistiken und Lebenserwartungen vorsichtig umzugehen, das Prinzip Hoffnung nicht zu unterschätzen. Oder um es mit den Worten des persischen Dichters Saa'di zu sagen:

 "Vom Abend bis zum Morgen saß er am Bett des Kranken und weinte.
Am nächsten Morgen starb er,
der Kranke aber lebte weiter."

Dienstag, 9. Februar 2016

Solidarität

Nach einem verheerenden Erdbeben in der Türkei, schickte ein pakistanischer Junge seinem damaligen  Staatspräsidenten diesen rührenden Brief: „Ich bin ein Sohn einer armen Familie. Ich habe keinen Vater und meine Mutter ist krank. Wir hatten 2 Mil. Lira (umgerechnet 1,5 Euro) um Essen zu kaufen. Davon schicke ich euch 1 Mil. Lira. Denn ich habe heute aus einer Mülltonne Brot gefunden. Heute Abend werden wir mit diesem Brot unser Fasten brechen. Kauft bitte mit diesem Geld Brot für die Kinder des Erdbebens. Dieses Geld ist Halal (ehrlich verdientes Geld). Da ich noch eine Briefmarke für diesen Brief kaufen musste, konnte ich leider nicht alles an euch schicken. Ich bitte um Entschuldigung.“ Der Brief wurde veröffentlicht und berührte viele Menschen. Leider war er nicht mit dem Namen des Jungen abgezeichnet. Dennoch wurden Anstrengungen unternommen ihn zu finden.

Samstag, 6. Februar 2016

Politik und Religion

 1.) Die Religion wird heutzutage in ihrer extremsten Form und Radikalität wahrgenommen. Die meisten Gläubigen sind keine Fundamentalisten, aber dennoch wird diese überragende Mehrheit nicht als die wahre Gruppe der Religiösen dargestellt und wahrgenommen.  Vielmehr wird suggeriert, dass, wenn jemand seine Religion "richtig" verstehen würde, er zwangsläufig zu diese Gruppe der Fundamentalisten aufschließen würde. Man hält den Menschen also vor wie sie ihre Religion "richtig" zu verstehen haben, also in seiner radikalsten Form.

2.) Die Religion in ihrer radikalen Form wird durch eine verzerrte mediale Darstellung sogar gefördert, um im Namen der vermeintlichen "Aufklärung" als Phänomen bekämpft werden zu können. Wer ist der Nutznießer? - Der Kapitalismus, dem jede Ethik ein Hemmschuh ist. Das Perfide ist eben, dass es im Namen der "Aufklärung" geschieht.

3.) Da dass Christentum als Religion im säkularisierten Westen quasi nicht mehr existiert, wird diejenige Religion stellvertretend bekämpft, die noch "am Leben" ist: Der Islam. Der Kampf gegen ihn, muss als der Kampf einer säkularisierten Gesellschaft gegen die Religion an sich verstanden werden. Einer Gesellschaft, die ihre Vernunfttätigkeit im Kampf gegen den Glauben schärfen und sich als "Aufklärer" profilieren möchte. Wer die "europäische Aufklärung" aber richtig verstanden hat, weiß, dass es ihr nicht darum ging den Glauben zu vernichten, sondern sich von denen zu emanzipieren, die den Glauben missbrauchten.

4.) Als Ursache des Terrors wird der islamistische Fundamentalismus angesehen. Eine Schar von  Experten versucht nun den Kern dessen herauszuschälen und zu verstehen, wie aus religiösen Menschen Extremisten werden. Der Koran wird als ein Werk verstanden dargestellt, dessen unsachgemäßer Gebrauch potentielle Terroristen züchtet. Wie Psychoanalytiker aber erklären, ist es falsch eine religiöse Ideologie als Ursache des Terros anzusehen und zu bekämpfen. Der Grund des Terrors liegt vielmehr in der gestörten Entwicklung von Jugendlichen, die zeitlebens diskriminiert wurden und durch die Aneignung einer gewalttätigen Ideologie - welcher auch immer! - die Machtverhältnisse umkehren. Den Islam als Religion zu bekämpfen, um die Ursachen des Terrors zu beseitigen, ist definitiv der falsche Ansatz! Es muss vielmehr verstanden werden, wie junge Menschen aus der Spur geraten, um dann irgendwann anfällig für eine Ideologie zu werden. Man verhindert dies nicht, indem man ihre Kultur bekämpft und auch nicht, indem man Ideologien in Augenschein und ins Zievisier nimmt. Man verhindert es, indem man sie und ihre Kultur gesellschaftlich nicht diskriminiert. Werden sie aufgrund ihrer kulturellen Zugehörigkeit als potentielle Terroristen angesehen und ausgeschlossen, passiert genau das, was man vermeiden möchte: Man treibt sie in die Hände von Ideologien, die nur die Form der betreffenden Kultur angenommen haben. Die Kultur oder Religion an sich jedenfalls ist nicht die Ursache von Gewalt und Terror. Das Lesen von religiösen Texten macht einen Menschen nicht gewalttätig, so wenig wie es einen Menschen barmherzig macht. Insofern glaube ich nicht, dass die Welt ohne Religion eine friedlichere wäre.

Der Westen muss sich mit der "Religion" versöhnen statt sie als vermeintliche Ursache des Terros zu bekämpfen. Dessen Ursachen sind in den sozialen und politischen Bedingungen zu suchen, in denen Individuen und Gesellschaften empfänglich werden für Ideologien.



Freitag, 5. Februar 2016

Vernunft und Glauben

Es gab Zeiten, in denen der Klerus eine scharfe und unbarmherzige Zensur ausübte: Nur das, was dem Glauben entsprach, war erlaubt zu denken. Wer die Grenzen überschritt, wurde verurteilt und musste schlimmstenfalls mit dem Leben bezahlen. Die Philosophie war die "Magd der Religion": Ihre Aufgabe bestand in der Bekräftigung des Glaubens, indem sie Gottesbeweise erbrachte, um den letzen Skeptikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Vernunft sollte sich an den Fundamenten des Glaubens orientieren. Wie mächtig die Zensur war, kann man an dem "Schachzug des Descartes", dem Vater des Rationalismus, erkennen: Weil er die Zensur seines revolutionären Werkes ("Ich zweifle, also bin ich.") fürchtete, widmete er dieses an die berühmte theologische Fakultät von Sorbonne. Darin "beschwört" er die Vernunft und konstruiert sogar einen Gottesbeweis. Er behauptet, dass sein Werk der Kirche dient und stellt es es in die Obhut der religiösen Orthodoxie. Nur dadurch, dass er sich scheinbar vor ihrer Autorität beugt, kann sein Werk bestehen bleiben und "unbemerkt" die neuzeitliche Philosophie einleiten. Ein genialer Schachzug, das dem Begründer des Rationalismus alle Ehre macht.

Das Mittelalter ist glücklicherweise vorbei. Alles, was denkbar ist, kann gedacht werden - und das ist auch gut so!

Was nicht gut ist, ist, dass die "Aufklärung" in unserer Zeit falsch verstanden wird. Eigentlich hatte sich mit der "Aufklärung" die Philosophie von der Religion emanzipiert. Durch die Betonung der Vernunft wurde ein gesunder Glauben erst möglich: Dogmatische Autoritäten, die sich als Sprachrohr Gottes gebärdeten, wurden nun in Frage gestellt. Aberglaube und alles Irrationale wurde nun als solches erkannt, so dass der Weg frei war für einen gesunden Glauben. Absicht der Aufklärung war es nie den Glauben an sich zu verteufeln, so wie der Klerus es lange mit der Vernunft tat.

Doch, wenn man sich unsere Zeit anschaut, könnte man denken, dass das Mittelalter immer noch besteht, so spurlos ist offenbar die "Aufklärung" an vielen vorbeigegangen:

Eine falsch verstandene Aufklärung hat dazu geführt, dass nun der Glauben mit den Mitteln der Vernunft bekämpft wird. Früher wurde die Vernunft von Gläubigen bekämpft -  heute ist es umgekehrt. Alles bleibt beim Gleichen, nur die Vorzeichen und Mittel haben sich geändert. Früher wurden Freidenker hingerichtet, heute werden gläubige Menschen auf dem Scheiterhaufen der Vorurteile hingerichtet.

Diese selbsternannten Aufklärer, denken offenbar, dass man den Glauben durch die Vernunft überwinden müsse - doch das war niemals Ziel der Aufklärung! Es ging der Aufklärung um das richtige Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft - nicht darum Menschen zu züchten, für die der Zweifel nicht mehr eine Methode ist, sondern als Selbstzweck "Falschgeld" der Vernunft darstellt. Meist sind es Menschen, die sich an der Verbindlichkeit der religiösen Moral stören und glauben daran Anstoß nehmen zu müssen, um ihre vermeintliche Vernunft unter Beweis zu stellen. Da ihnen mit dem Glauben der Sinn abhanden gekommen ist, erscheint ihnen fragwürdig, dass sich die Sinnfrage bei Gläubigen nicht stellt. Um einen Sinn zu kreieren, laden sie die eigene Vernunft quasi religiös auf und überhöhen ihren Stellenwert. Ohne dass sie es merken ist dann jede ihrer "Vernunfttätigkeiten" eine Art Glaubensakt. Mit dem Glauben geben sie den Geist auf und werden zu Materialisten. Mit dem Glauben an die Seele, die sie durch die "Psyche" ersetzen, verlieren sie den spirituellen Zugang zu der Weisheiten aller Religionen. Fortan wird die Psychologie ihre "Religion". Und ironischerweise ist ihr gehässiger Kampf gegen die Religion nicht mehr als eine Neurose, ein innerpsychischer Abwehrmechanismus gegen ihre ureigenen, irrational erlebten religiösen Grundbedürfnisse. Dadurch, dass sie das Religiöse in der Außenwelt durch Projektion und selektive Auslese vermehrt wahrnehmen, bekämpfen sie es stellvertretend für das eigene Religiöse in sich, das sie als bedrohlich empfinden. Eine Neurose also, etwas, das die Psychologie durchaus behandeln könnte.

Um es in der Sprache der Medizin zu beschreiben: Es ist bei den vermeintlichen Aufklärern zu einer Autoimmun-Reaktion gekommen: Ihre Vernunft hat sich gegen den körpereigenen Glauben gerichtet und stößt ihn ab. Der Glauben stellt die Immunabwehr des Menschen dar. Er ist das Urvertrauen zum Leben und weiß wie es intuitiv auf die Ungewissheiten des Lebens zu reagieren hat. Wenn die Vernunft nun den Glauben bekämpft, bekämpft es auch sich selbst. Aber ohne Glauben kann man nicht leben. Ob das ein religiöser Glauben ist oder ein "unbemerkter" quasi-religiöse Glaube an die Vernunft - so oder so, es gehört zu der Natur des Menschen. Vernünftig ist es nicht den Glauben zu bekämpfen, sondern ihn auf eine richtige Art und Weise zu gestalten, die es noch zu ermitteln gilt. Nur wer das begreift, hat die Aufklärung wirklich verstanden.

Ethik in Antike und Neuzeit

Die Ethik der Antike unterscheidet sich von der der Neuzeit: Sie ist mehr Lebensweisheit und Anleitung zu einem sinnvollen Leben und ist an den Einzelnen gerichtet. Lust und Unlust sind bei Aristoteles Begleiterscheinungen eines moralisch richtig geführten Lebens. Die Ratschläge haben keine verpflichtenden Charakter.

Die Ethik der Neuzeit dagegen will eher anleiten, wie man sich bei begrenzten Ressourcen nicht gegenseitig auf die Füße tritt. Es geht ihr mehr darum Gerechtigkeit zu schaffen. Sie betrachtet eher die Pflichten des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft, eher den reibungslosen Ablauf der menschlichen Beziehungen.


Das Glückskonzept

Es gibt tatsächlich Menschen, die behaupten niemals glücklich gewesen zu sein. Genauso gut könnte man eine Kapitulationserklärung unterzeichnen. Das Problem ist, dass man sich unter "Glück" ein überschwängliches Gefühl vorstellt, einen permanenten Zustand, den man erreichen will. Ein Geheimnis, das man entlüften will. In Wirklichkeit ist es wie Dostojewski sagt: "Alles ist gut...Alles. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird glücklich sein, sofort, im selben Augenblick..." So hoffnungslos einfach ist die Lösung.

Es ist also einmal unsere falsche Vorstellung von "Glück", die uns "unglücklich" macht. Es ist die endlose Jagd nach ihm, die den Menschen verunglücken lässt. In Wirklichkeit ist das Schicksal keine Glückssache: Äußere Zustände können für uns günstig und dann beglückend sein - müssen es aber nicht.

Unglücklich wird der Mensch angesichts der unzähligen Möglichkeiten und der grenzenlosen Freiheit unserer Zeit: Stets hat er Angst, dass ihm etwas entgeht, dass er die falsche Wahl (Beruf, Partner etc.) getroffen hat.

Wer sich unglücklich fühlt, sollte sich eher seine Erwartungen und Vorstellungen vor Augen führen. Was er auf keinen Fall machen darf: Auf keinen Fall darf er glauben, dass ihn jemand anderes glücklich machen kann als er sich selbst. Man braucht schon ein eigenes Glückskonzept.

"Negatives Glück"

"Zum Glück" fehlt uns immer etwas: Einen Mangel muss es stets geben, damit dessen Ausgleich als "Glück" empfunden wird ("negatives Glück"). Entscheidend ist, dass man diesen Mangel nicht "persönlich" nimmt und als "Unglück" erlebt, sondern als "Vorbedingung des Glücks" akzeptiert. Natürlich gibt es Schicksalsschläge, für die das nicht unbedingt zutrifft. Aber die Abwesenheit von Glück als pathologisch und behandlungsbedürftig zu empfinden, ist ein "Markenzeichen" unserer psychologisierten Zeit.

Donnerstag, 28. Januar 2016

Nähe oder Distanz?

Es klingt paradox: Es gibt tatsächlich Menschen, die meiden den Kontakt zu denen, die sie eigentlich mögen. Sie wollen das Bild von sich selbst, das sie glauben ihnen vermittelt zu haben, nicht gefährden. Dieses Bild soll eine Weile in Erinnerung bleiben und nachwirken, sie wollen es nicht durch unüberlegte Worte oder Taten besudeln. Sie halten dieses Bild für ein Versprechen, das es auf alle Fälle einzuhalten gilt.


Dann gibt es Menschen, die sind mit Leuten zusammen, weil sie die Einsamkeit nicht aushalten – nicht weil sie so großen Wert auf sie legen. Und ehrlich gesagt, hat der erste Typ Mensch meine ganze Sympathie: Er mag vielleicht ein Träumer sein, aber er hält sein Versprechen ein. Er konsumiert keine Menschen und arbeitet im Stillen an der Beziehung, die er durch Reserviertheit schützen will. Natürlich kann sein Gegenüber die „warmherzige“ Distanz falsch deuten.

Dieser Typ Mensch braucht nicht die ständige Zweisamkeit, oft genügt er sich ganz selbst. Aber er ist auch nicht einsam, er ist von zeit zu zeit allein (!) – was ganz anderes ist! Und allein die Gewissheit, dass etwas weiter weg jemand an ihn denkt und sich mit ihm verbunden fühlt, ist für ihn erfüllender als physische Anwesenheit es je sein könnte.

Mittwoch, 27. Januar 2016

Träume als Lebensversicherung

Eine traumhafte Geschichte aus "Der Alchimist": Ein andalusischer Hirte träumt von einem Schatz, der am Fuße der Pyramiden begraben ist. Er ist hin - und hergerissen. Soll er die Brücken hinter sich abreißen? Soll er alles, was er hat und dem er sich verpflichtet fühlt, aufgeben, um einem ungewissen Traum nachzugehen?

Er tut es.

Über die Meerenge von Gibralter wandert er nach Nordafrika, vor Augen Ägypten. Doch seine anfängliche Euphorie versandet mit der Zeit, es drängen sich Gelegenheiten auf sich niederzulassen. Die spürbare Realität widerspricht dem Traum, einem vermeintlichen Hirngespinst. Zuletzt stellt sich das Argument mit der größten Durchschlagskraft: Eine Liebe, die ihn auffordert hier und jetzt Wurzeln zu fassen - und den Traum auf sich beruhen zu lassen.

Schließlich die Schlüsselszene: Unser Hirte begegnet einem alten Händler. Dessen größter Wunsch ist es die Hadj, die islamische Pilgerfahrt, anzutreten. Und dennoch tritt dieser die Reise nicht an, dennoch scheint ihn irgendetwas zurückzuhalten. Es wird nun offensichtlich, dass es seine eigene Angst ist, die ihn hindert seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Nicht die Angst den Weg nicht finden oder zu scheitern. Es ist die Angst den ureigensten Traum zu verlieren, indem man ihn erfüllt. Die Sehnsucht das Leben einzubüßen, die Hoffnung zu verlieren, die einen beseelt. Ist der sehnlichste Traum erfüllt, stirbt ein Teil von einem, man verliert den Sinn des Lebens.

Und so geht es vielen von uns.


Einsamkeit als Nebenwirkung der Freiheit

Die Konsequenz der menschlichen Freiheit ist die Einsamkeit. Ist er in eine freie Gesellschaft geboren, die die Nebenwirkungen der Freiheit nicht vertragen hat, ist er der einsamste Mensch überhaupt. Das Tragische ist, dass ihm die Moderne die Freiheit als Unverbindlichkeit verkauft. Diese Einsamkeit wird durch die Individualisierung begünstigt und vor allem dadurch, dass der moderne Mensch sich durch die Konsolidierung der sozialen Institutionen der Verantwortung für seine Mitmenschen entledigt. Unnahbarkeit, Narzissmus und die Illusion einer erstrebenswerten, vollkommenen Autonomie haben als Resultat eine existentielle Einsamkeit, die der Mensch verzweifelt versucht zu überwinden, wobei er verschiedene Wege einschlägt. 

Der einfache Mensch wird sich in in Exzessen verausgaben, die nur kurzfristig seine Einsamkeit übertünchen können. Er wird darüberhinaus versuchen mit einer Gruppe in Tuchfühlung zu sein und eine Konformität herzustellen, die ihm Geborgenheit verleiht. Der Künstler wird seine Einsamkeit durch seine Kunst zu überwinden versuchen. Der Gläubige wird Gott höchstpersönlich ersuchen. Der einzige Ausweg für sie alle aus dem Labyrinth der Einsamkeit ist die Liebe. Nur wer es schafft zu lieben, Gott oder die Menschen, kann seine Einsamkeit überwinden. Nichts schwieriger als das.

Samstag, 16. Januar 2016

Zeitlos

Um nicht zu altern, muss man zeitlos sein. Um zeitlos zu sein, darf man sich nicht an Modeerscheinungen orientieren. Man muss sich bewusst machen, was eigentlich uralt ist und was sich - wenn auch als Restbestand - nur deswegen in unser kollektives Bewusstsein retten konnte, weil es niemals seine zeitlose Aktualität, Schönheit und Relevanz eingebüßt hat. Das eigentlich Schöne ist nämlich unvergänglich - alles andere nur Accessoire.

Montag, 4. Januar 2016

Vom Sklaven, der nicht frei sein will

Die Ketten sind gesprengt. Die Freiheit vom ihnen führt nun aber zu einer neuen Bindung, an der man mit Hingabe und Stolz schmiedet. Denn, was das Wort Freiheit verschweigt, ist die anschließende „freiwillige“ Bindung, die einem im Rausch der vermeintlichen Freiheit nich bewusst ist. Mit anderen Worten: Was einem die erlangte Freiheit "behutsam" anlegt, ist nicht etwa ein wärmender Mantel sondern die nächsten Ketten. Und nichts ist erniedrigender und gefährlicher für die Sache der Freiheit, als ein Sklave, der seine Ketten mit Stolz trägt - weil er sie nicht als solche erkennt und weil sie eben seine sind.


Nicht ist unerträglicher für den ewigen Sklaven als die überfordernde Vielzahl an neuen Möglichkeiten, während einem früher nur eine einzige erlaubt war. Ist die Freiheit also erlangt, muss man lernen mit ihr umzugehen bevor sie einem den Kopf verdreht und man in Exzessen zugrunde geht.

Es gibt die Geschichte vom Sklaven, der von seinen Ketten befreit wird: Etwas später kehrt er zu seinem alten Herrn zurück, reumütig - und bittet darum weiterhin zu seinen Diensten zu stehen. Was es bedeutet frei zu sein, hatte er niemals gelernt.

Das kann jetzt keine Option sein, es gibt kein zurück mehr! Es gibt kein zurück, einfach deshalb, weil wir unseren Herrn ermordet haben. Denn der Sklave möchte nicht frei sein, er möchte Sklavenhalter sein.