Donnerstag, 28. Januar 2016

Nähe oder Distanz?

Es klingt paradox: Es gibt tatsächlich Menschen, die meiden den Kontakt zu denen, die sie eigentlich mögen. Sie wollen das Bild von sich selbst, das sie glauben ihnen vermittelt zu haben, nicht gefährden. Dieses Bild soll eine Weile in Erinnerung bleiben und nachwirken, sie wollen es nicht durch unüberlegte Worte oder Taten besudeln. Sie halten dieses Bild für ein Versprechen, das es auf alle Fälle einzuhalten gilt.


Dann gibt es Menschen, die sind mit Leuten zusammen, weil sie die Einsamkeit nicht aushalten – nicht weil sie so großen Wert auf sie legen. Und ehrlich gesagt, hat der erste Typ Mensch meine ganze Sympathie: Er mag vielleicht ein Träumer sein, aber er hält sein Versprechen ein. Er konsumiert keine Menschen und arbeitet im Stillen an der Beziehung, die er durch Reserviertheit schützen will. Natürlich kann sein Gegenüber die „warmherzige“ Distanz falsch deuten.

Dieser Typ Mensch braucht nicht die ständige Zweisamkeit, oft genügt er sich ganz selbst. Aber er ist auch nicht einsam, er ist von zeit zu zeit allein (!) – was ganz anderes ist! Und allein die Gewissheit, dass etwas weiter weg jemand an ihn denkt und sich mit ihm verbunden fühlt, ist für ihn erfüllender als physische Anwesenheit es je sein könnte.

Mittwoch, 27. Januar 2016

Träume als Lebensversicherung

Eine traumhafte Geschichte aus "Der Alchimist": Ein andalusischer Hirte träumt von einem Schatz, der am Fuße der Pyramiden begraben ist. Er ist hin - und hergerissen. Soll er die Brücken hinter sich abreißen? Soll er alles, was er hat und dem er sich verpflichtet fühlt, aufgeben, um einem ungewissen Traum nachzugehen?

Er tut es.

Über die Meerenge von Gibralter wandert er nach Nordafrika, vor Augen Ägypten. Doch seine anfängliche Euphorie versandet mit der Zeit, es drängen sich Gelegenheiten auf sich niederzulassen. Die spürbare Realität widerspricht dem Traum, einem vermeintlichen Hirngespinst. Zuletzt stellt sich das Argument mit der größten Durchschlagskraft: Eine Liebe, die ihn auffordert hier und jetzt Wurzeln zu fassen - und den Traum auf sich beruhen zu lassen.

Schließlich die Schlüsselszene: Unser Hirte begegnet einem alten Händler. Dessen größter Wunsch ist es die Hadj, die islamische Pilgerfahrt, anzutreten. Und dennoch tritt dieser die Reise nicht an, dennoch scheint ihn irgendetwas zurückzuhalten. Es wird nun offensichtlich, dass es seine eigene Angst ist, die ihn hindert seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Nicht die Angst den Weg nicht finden oder zu scheitern. Es ist die Angst den ureigensten Traum zu verlieren, indem man ihn erfüllt. Die Sehnsucht das Leben einzubüßen, die Hoffnung zu verlieren, die einen beseelt. Ist der sehnlichste Traum erfüllt, stirbt ein Teil von einem, man verliert den Sinn des Lebens.

Und so geht es vielen von uns.


Einsamkeit als Nebenwirkung der Freiheit

Die Konsequenz der menschlichen Freiheit ist die Einsamkeit. Ist er in eine freie Gesellschaft geboren, die die Nebenwirkungen der Freiheit nicht vertragen hat, ist er der einsamste Mensch überhaupt. Das Tragische ist, dass ihm die Moderne die Freiheit als Unverbindlichkeit verkauft. Diese Einsamkeit wird durch die Individualisierung begünstigt und vor allem dadurch, dass der moderne Mensch sich durch die Konsolidierung der sozialen Institutionen der Verantwortung für seine Mitmenschen entledigt. Unnahbarkeit, Narzissmus und die Illusion einer erstrebenswerten, vollkommenen Autonomie haben als Resultat eine existentielle Einsamkeit, die der Mensch verzweifelt versucht zu überwinden, wobei er verschiedene Wege einschlägt. 

Der einfache Mensch wird sich in in Exzessen verausgaben, die nur kurzfristig seine Einsamkeit übertünchen können. Er wird darüberhinaus versuchen mit einer Gruppe in Tuchfühlung zu sein und eine Konformität herzustellen, die ihm Geborgenheit verleiht. Der Künstler wird seine Einsamkeit durch seine Kunst zu überwinden versuchen. Der Gläubige wird Gott höchstpersönlich ersuchen. Der einzige Ausweg für sie alle aus dem Labyrinth der Einsamkeit ist die Liebe. Nur wer es schafft zu lieben, Gott oder die Menschen, kann seine Einsamkeit überwinden. Nichts schwieriger als das.

Samstag, 16. Januar 2016

Zeitlos

Um nicht zu altern, muss man zeitlos sein. Um zeitlos zu sein, darf man sich nicht an Modeerscheinungen orientieren. Man muss sich bewusst machen, was eigentlich uralt ist und was sich - wenn auch als Restbestand - nur deswegen in unser kollektives Bewusstsein retten konnte, weil es niemals seine zeitlose Aktualität, Schönheit und Relevanz eingebüßt hat. Das eigentlich Schöne ist nämlich unvergänglich - alles andere nur Accessoire.

Montag, 4. Januar 2016

Vom Sklaven, der nicht frei sein will

Die Ketten sind gesprengt. Die Freiheit vom ihnen führt nun aber zu einer neuen Bindung, an der man mit Hingabe und Stolz schmiedet. Denn, was das Wort Freiheit verschweigt, ist die anschließende „freiwillige“ Bindung, die einem im Rausch der vermeintlichen Freiheit nich bewusst ist. Mit anderen Worten: Was einem die erlangte Freiheit "behutsam" anlegt, ist nicht etwa ein wärmender Mantel sondern die nächsten Ketten. Und nichts ist erniedrigender und gefährlicher für die Sache der Freiheit, als ein Sklave, der seine Ketten mit Stolz trägt - weil er sie nicht als solche erkennt und weil sie eben seine sind.


Nicht ist unerträglicher für den ewigen Sklaven als die überfordernde Vielzahl an neuen Möglichkeiten, während einem früher nur eine einzige erlaubt war. Ist die Freiheit also erlangt, muss man lernen mit ihr umzugehen bevor sie einem den Kopf verdreht und man in Exzessen zugrunde geht.

Es gibt die Geschichte vom Sklaven, der von seinen Ketten befreit wird: Etwas später kehrt er zu seinem alten Herrn zurück, reumütig - und bittet darum weiterhin zu seinen Diensten zu stehen. Was es bedeutet frei zu sein, hatte er niemals gelernt.

Das kann jetzt keine Option sein, es gibt kein zurück mehr! Es gibt kein zurück, einfach deshalb, weil wir unseren Herrn ermordet haben. Denn der Sklave möchte nicht frei sein, er möchte Sklavenhalter sein.