Freitag, 19. Februar 2016

Das Leben ist keine medizinische Prognose

"Das war vor 20 Jahren...", stellte der Professor fest und ließ seinen Blick über den vollen Hörsaal schweifen. Die Studenten waren sichtlich betroffen und verstummt, man hätte eine Nadel fallen hören können. Die Vergänglichkeit hatte uns auch hier eingeholt:

Im Rahmen der Vorlesungsreihe über Medizinische Psychologie, hatte uns der Professor von einem tragischen Schicksal erzählt: Seinem Freund hatten die Ärzte die Diagnose "Krebs im Finalstadium" gestellt. Er hatte demnach noch ein halbes Jahr zu leben...

Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf Hiobsbotschaften: Die einen ereilt eine vorgezogene Midlife-Crisis, sie stellen ihr Leben auf den Kopf und versuchen alles nachzuholen, was ihnen bisher verwehrt blieb. Die anderen gehen keine Änderungen ein, die sie daran erinnern könnten, warum diese Änderungen eintrafen. Sie krallen sich noch fester an ihr bisheriges Leben und behalten die gewohnten, Stabilität verleihenden Strukturen bei...

Der Freund des Professors jedenfalls brach mit seinem bisherigen Leben: Er ließ sich von seiner Frau scheiden, kündigte seinen Job. Er reiste, wechselte die Partner wie am laufenden Band und gab sich Exzessen hin. Der Angst vor dem Tod versuchte er mit einem orgiastisches Leben beizukommen.
Es war traurig sich zu vorzustellen, wie er alles verwarf, was er aufgebaut hatte - während er seinem vermeintlich unausweichlichen Schicksal zusteuerte...

"Das war vor 20 Jahren...", griff der Professor seinen Satz wieder auf.

 "...- Und dieser Mann lebt immer noch!" sagte er.

Eine ansteckende Freude griff um sich bis der ganze Hörsaal davon erfasst war. Wie der Professor weiteraufführte, hatte die statistische Lebenserwartung, mit denen manche Mediziner gerne um sich werfen, nicht zugetroffen. Vielleicht tun sie das, um Herr über das Schicksal zu sein, um keinen Kontrollverlust zu erleiden. Wie auch immer: Dieser Mann hatte allen Erwartungen zum Trotz überlebt. Es ging darum uns klarzumachen, mit Diagnosen, Statistiken und Lebenserwartungen vorsichtig umzugehen, das Prinzip Hoffnung nicht zu unterschätzen. Oder um es mit den Worten des persischen Dichters Saa'di zu sagen:

 "Vom Abend bis zum Morgen saß er am Bett des Kranken und weinte.
Am nächsten Morgen starb er,
der Kranke aber lebte weiter."

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