Mittwoch, 24. Februar 2016

[Deutschland:]Über die Ursachen der sozialen Kälte

Es ist paradox: Ziel des Sozialstaates und seiner Institutionen war es, seine Bürger, wenn es denn nötig sein sollte, durch ein soziales Netz aufzufangen. Die Mechanismen, um die Schwachen aufzufangen, greifen nun, doch langfristig kommt es zur Ausbildung einer Mentalität, die soziale Kälte und Einsamkeit verursacht. Der Sozialstaat verursacht umgewollt das, für dessen Beseitigung er eigentlich ins Leben gerufen worden war.

Wie das? - Nun, mit Ausbildung des Sozialstaates fühlt sich der Otto-Normal-Bürger von der Verantwortung für seine Mitmenschen befreit. Wenn der Staat einen Schirm für Notfälle bereithält, so die Mentalität, fühlt sich der Einzelne nicht mehr dazu "berufen", für seine Nächsten aufzukommen. Die staatlich Beschützten sehen sich ihrer Pflichten gegenüber ihren Mitmenschen entledigt.

Die sozialen Auffangmaßnahmen des Staates lassen seine Bürger seelisch verkümmern: Jehr mehr sie auf den Staat setzen, umso mehr büßen sie ihre soziale Ader ein und umso mehr vereinsamen sie. Und weil man in dieser Welt schon jemandem die Hand reichen muss, um einen Händedruck zu erhalten, steht am Ende der alleine da, der niemals gelernt hat oder gezwungen war, auf andere zuzugehen. Wer in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung um die wertvolle Erfahrung gebracht wurde, sich sozial einzubringen, wird zwar gemäß ihrer "Spielregeln“ weit oben in der Hierarchie stehen, er wird sich aber dort ziemlich vereinsamt wiederfinden. Das ist der Preis, den man ohne altruistische Natur bezahlt.

Nun ist es aber so, dass die kapitalistischen Spielregeln genau diesen Altruismus verhindern und einen zügellosen, egoistischen Individualismus fördern. Ist es in anderen Gesellschaften anders? Und, wenn ja: Wo?

Dort, wo der Staat aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen, keine vergleichbaren Instituitionen aufbauen konnte, sind Nachbarn, Nahestende und Angehörige in der Pflicht, wenn jemand zum Sozialfall wird. Inwieweit das greift, ist an dieser Stelle erst einmal nebensächlich.

Stirbt z.B. jemand und er hatte keine Angehörigen, die für eine würdige Bestattung aufkommen könnten, wird unter den Nachbarn Geld gesammelt. Stirbt in Deutschland dagegen jemand mittellos, übernimmt das Sozialamt die Kosten, damit alles ruhig über die Bühne geht.

Wird z.B. in der Türkei ein Familienältester pflegebedürftig, bleibt er oft bis zu seinem Tode im familiären Kreise. Die Angehörigen haben weder das Geld, um Pflegekräfte einzustellen, noch die Einstellung, ihren Nähsten z.B. in ein Altersheim oder in eine Hospizeinrichtung abzuschieben.

In Deutschland dagegen bestehen die finanzielle Möglichkeiten, so dass Pflegekräfte eingeschaltet werden oder Pflegeheime, Altersheime und Hospizen in Frage kommen.

Dort, wo die Möglichkeiten, wie gesagt, geringer sind, müssen sich eben mehr Menschen einbringen und die Last gemeinsam schultern. Das wiederum hat eine gewisse „soziale Bildung“ der Gesellschaft zufolge.

Die Menschen sind mehr auf sich alleingestellt, so dass sie notgedrungen mit anderen in Tuchfühlung bleiben müssen. Dadurch vereinsamen sie weniger, um auf die Anfangsfrage zurückzukommen. Sie sind weniger einsam, weil sie das Leid nicht in soziale Einrichtungen verlagern können - was nicht bedeutet, dass sie weniger hilflos sind. Möglichkeiten zu Mitgefühl und Mitleid als unabdingbare Notwendigkeit, um Einsamkeit zu überwinden, sind in Ländern ohne Sozialstaat demnach eher gegeben. Kein Grund, den Sozialstaates nicht wertzuschätzen, und auf seine Notwendigkeit nicht hinzuweisen. Ganz im Gegenteil. Nur ein Apell an ihre Bürger, nicht alles als natürlich hinzunehmen und ihrer Verantwortung gerecht zu werden.


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