Freitag, 19. Februar 2016

Die Psyche des Pflegebedürftigen

Ramon wollte sterben. Nicht weil er das Leben nicht liebte, sondern deshalb, weil er es tat. Für ihn bedeutete Leben Autonomie, und diese war seit seinem Unfall nicht mehr gegeben. Er hatte die Tiefe des Meeres falsch abgeschätzt und war von einer Klippe gesprungen. Seitdem war er von der Halswirbelsäule abwärts querschnittsgelähmt.

Er hatte ein Lächeln, das mich an den Gesichtsausdruck von Delphinen erinnert, die in Gefangenschaft leben: Sie scheinen immerzu zu lächeln. In Wirklichkeit es ist kein Lächeln, ein anderer Ausdruck ist ihnen schlichtweg nicht eigen. Dieses "archaische Lächeln" ist ihnen eingebrannt und wird ihnen letztendlich zum Verhängnis: Die Menschen glauben dieser Gesichtsausdruck stehe für Zufriedenheit, wenn sie im Zoo vor einem gelangweilten Publikum synchron durch Ringe springen. Das "Lächeln" wird ihnen zum Verhängnis: Sie verkümmern gedemütigt, auch wenn sie zweifelsohne aufopferungsvoll versorgt werden. Sie gehen allmählich zugrunde, denn selbst eine Gefangenschaft im goldenen Käfig kann die Freiheit nicht ersetzen.

Mir Ramos war es nicht anders. Sein Stolz und Bedürfnis nach Autonomie machten ihn verlegen, jedes Mal, wenn man ihm etwas Gutes tat. Das Gefühl seinen „Gönnern“ nicht zu genügen, beschämte ihn. Nur ein Lächeln konnte er dem entgegensetzen, ein archaisches Lächeln, das ihn auf die Dauer zermürbte. Deswegen wollte Ramos sterben - nicht, weil er das Leben nicht lebte.

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