Mittwoch, 24. Februar 2016

Im Herzen des Islam

In der "Mescid-Al-Haram", dem größten Heiligtum des Islam, klappte es mit der Verbindung nach Deutschland: Über unsere Smart-Phones konnten meine Eltern in Deutschland und ich eine "Live-Übertragung" herstellen. Mit dem Rücken zur Kaaba hielt ich das Gerät in die Höhe, so dass meine Eltern mich sehen und meinen Standort indentifizieren konnten. Es war rührend, ich war tatsächlich dort und meine sichtlich stolzen Eltern konnten Anteil daran nehmen. Ich war tatsächlich dort - dort, wohin sich alle Moslems der Welt zum Gebet ausrichten. Es war meine ganz persönliche Mond-Landung: Ich fühlte mich wie jemand, der seine Welt verlassen und gerade eine Funkverbindung zur Erde hergestellt hatte. Der Vergleich ist gar nicht so abwegig: Wie um eine Sonne drehen sich hier alle Gläubigen seit Menschengedenken um die Kaaba, dem Allerheiligsten des Islam. Die Kaaba ist ein Quader, der zur Hadj mit einem schwarzen Tuch bedeckt wird. Dabei ist auf dem Tuch mit goldenen Fäden eine Sure aus dem Koran eingestrickt.

Um Mitternacht hatten wir uns als Gruppe zu dem Moscheekomplex begeben. Ein Teil der Gruppe beschloss bis zum folgenden Mittag auszuharren und das Gebet innerhalb der "Mescid-Al-Haram", unmittelbar vor der Kaaba, zu verrichten. Das würde ein Erlebnis sein, wozu die meisten von uns nie wieder Gelegenheit haben würden. Doch je näher wir unserem Wunsch kamen, desto beschwerlicher wurde es:

Ab einem bestimmten Zeitpunkt wurde der Zugang zum Moscheekomplex versperrt. Niemand konnte mehr rein oder raus. Wir begaben uns in die vordersten Reihen und setzten uns auf Tücher, die wir später als Gebetsteppiche benutzen würden. Damit war auch der Raum abgesteckt, der jedem zustand. Um uns herum setzten sich immer mehr Menschen, so dass es immer dichter wurde und niemandem mehr als etwa ein Quadratmeter Platz zur Verfügung stand. Sich hinlegen oder die Beine ausbreiten, war schlichtweg nicht mehr möglich. Entweder musste man sich hinknieen oder sich in Schneidersitz begeben. Ich kam mir vor wie auf einem Floß mitten in Ozean. Um uns herum ein Meer von Menschen, über uns die brennende Sonne. Wir kauerten auf unserem Tuch. Aber nicht nur der begrenzte Raum war das Problem:

Es wurde schließlich Morgen und die Temperaturen kletterten bis 35°C. Auch war unser Wasservorrat begrenzt. Zwar konnte man sich Wasser holen gehen, würde aber seinen Platz gefährden. Auch war das Problem, dass eine neue zeremonielle Waschung nötig sein würde, falls wir Wasser ausscheiden müssten. Und hierfür waren die Möglichkeiten schlichtweg nicht gegeben. D.h. während wir in der glühenden Hitze auf engstem Raum ( insgesamt 6 Stunden!) ausharren mussten, durften wir gleichzeitig nur wenig Wasser trinken. Wie gesagt, es war wie auf einem Floß im Ozean: Wasser durften wir nicht trinken, auch wenn es kein Salzwasser war, das uns austrocknen würde.

Wir versuchten unseren Kopf vor der Sonne zu schützen. Die letzten Reihen schlossen sich und die Pilger wurden von Sicherheitsbeauftragten immer mehr gemaßregelt. Während die Zeit nicht vergehen wollte und die Strapazen zur Qual wurden, spielten sich um uns rührende Szenen ab: Die Menschen begannen ihr wenig Wasser zu teilen - mit Leuten, die sie gar nicht kannten und mit denen, sie zum ersten mal in Augenkontakt kamen: Wer etwas Wasser bekam, schaute sich einfach um und falls er meterweit von sich jemand Alten oder Bedürftigen sehen sollte, warf er ihm einfach die Plastikflasche zu. Die Menschen aus allen Herren Ländern lächelten sich als Dank dafür einfach nur an - was Dank genug war! Die Menschen teilten ihre Kekse und schützten andere durch ihre Tücher vor der Sonne. Es lag ein Athmosphäre der Brüderlichkeit in der Luft, die alle berührte und zusammenschweißte. Ich werde dieses Gefühl niemals vergessen. Sie war die eigentliche religiöse Erfahrung, nach der ich gesucht hatte.


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