Mittwoch, 24. Februar 2016

[Philosophie:] "Ich denke, also bin ich."


Es gibt verschiedene Wege die Welt kennenzulernen: Die schönste Form ist sicherlich mit Liebe. Ein anderer Zugang zur Welt ist über den Glauben. Die Liebe ist eine Sucht, der Glaube gewissermaßen ein Wahn. Dann gibt es noch die Philosophie, das Streben sich die Zusammenhänge der Welt bewusst zu machen. Wenn man Dostojewski zu Wort kommen lässt, ebenfalls therapiebedürftig:"Ich schwöre Ihnen, meine Herrschaften, dass zuviel Bewusstsein - eine Krankheit ist, eine richtige, regelrechte Krankheit."

Liebe und Glauben sind sich in ihrem Wesen ähnlich: Wer liebt, will an jemanden glauben. Wer glaubt, fühlt sich einem idealen Wesen nah und ist ihm verbunden wie bei der Liebe. Liebe und Glaube können glücklich machen. Am größten sind die Chancen, wenn man sich auf der Ebene der Vernunft bewusst macht, was das Wesen von Liebe und Glauben ist und was ihre Degenerationserscheinungen darstellt. Und diese Tätigkeit der Vernunft ist die Philosophie.

Jetzt bin ich also bei der Philosophie gelandet. Im letzten Semester war ich als Gasthörer der Philosophie an der Universität eingeschrieben. Es waren interessante Themen wie "Descartes und der Beginn der neuzeitlichen Philosophie", "Klassische Rechts - und Staatsphilosophie" und "Moralphilosophie von Aristoteles bis Kant". In diesem Semester warten auf mich "Vernunft und Glauben", "Einführung in die analytische Ethik" und "Grundbegriffe der theoretischen Philosophie".

So wie man kein Mathematiker sein muss, um rechnen zu können, muss man kein Philosophiestudium absolviert haben, um philosophieren zu können. Deswegen strebe ich auch keinen Abschluss ab. Im Grunde genommen sind meine Motive dem Fach gegenüber ehrlicher als der vieler "meiner" Kommilitonen, denen es mehr um den einen oder anderen Schein zusätzlich zu ihrem Hauptfach geht.

Was aber verspreche ich mir von der Philosophie? Von welchem Verständnis für Philosophie gehe ich aus?

Erst einmal ist Philosophie nicht Philosophiegeschichte, wie es der Gesellschaft in vielen populärwissenschaftlichen "Bestsellern" verkauft wird. Es geht nicht darum, sich die Weltbilder der Philosophen anzueignen. Wer nur die Meinungen der Philosophen übernimmt, hat die Philosophie nicht wirklich verstanden. Es geht um Selbstreflexion und die Kunst des Denkens. Es geht um eigene Denkwege und eine Wahrheit, die mehr den eigenen Umständen entspricht und ihr Rechnung trägt.

Man lernt Vorurteile als solche zu erkennen und nicht ungeprüft Meinungen zu übernehmen. Wer einmal gelernt hat mittels der Logik eigenständig Gedankenoperationen durchzuführen, kann sich an jedes Thema annähern und der Wahrheit schrittweise näherzukommen. Wer sich kritisch mit den größten Denkern auseinandergesetzt hat, lernt die Ehrfurcht vor vermeintlichen Autoritäten abzulegen wie einen Strauß Blumen vor ihrem Grabstein. Man hört dann auf, sich bei seiner Argumentation auf andere zu berufen und lernt sich einzig und allein auf seine eigene Vernunft und Urteilskraft zu verlassen.

Vor dem Hintergrund der zeitlosen Themen lernt man, dass die meisten Informationen (Medien), mit denen man im Alltag abgespeist wird, eigentlich Antworten auf Fragen sind, die sich so nicht stellen dürften. Sie sind schlicht irrelevant.

Als würde man auf seine Gesundheit achten, lernt man durch die Philosophie auf seine Wahrnehmung zu achten, auf seine Gedanken und Vorstellungen. Schließlich gibt es einen Zusammenhang zwischen unseren Vorstellungen und unserem Wohlbefinden: Wenn unsere Gedanken und Einschätzungen unser Schicksal bestimmen, wird die Kunst des Denkens zum Ruder im Strom des Schicksals.

Die Währung der Vernunft sind Argumente. Man lernt falsche Argumente wie Falschgeld zu erkennen. Zur Vernunft gehört aber auch die Erkenntnis der Grenzen der Vernunft. Der Zweifel wird zur Methode - nicht zum Ziel.

Philosophie ist die Fortsetzung der Medizin - nur mit anderen Mitteln. Insofern ist sie für meine ärztliche absolut relevant. Schließlich geht es in der Medizin auch um die gesellschaftlichen Faktoren, die ein Individuum krank machen. Es sind Ängste und falsche (Vor)Urteile, die ein Individuum an der pathogenen Gesellschaft erkranken lassen. Ein Arzt, der etwas von Philosophie versteht, kann jene spalten wie einen Abszess.

Interessanterweise musste ich auf einer kardiologischen Station arbeiten, um bei der Philosophie anzukommen: Die Philosophie als Operation am offenen Herzen.














Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen