Freitag, 5. Februar 2016

Vernunft und Glauben

Es gab Zeiten, in denen der Klerus eine scharfe und unbarmherzige Zensur ausübte: Nur das, was dem Glauben entsprach, war erlaubt zu denken. Wer die Grenzen überschritt, wurde verurteilt und musste schlimmstenfalls mit dem Leben bezahlen. Die Philosophie war die "Magd der Religion": Ihre Aufgabe bestand in der Bekräftigung des Glaubens, indem sie Gottesbeweise erbrachte, um den letzen Skeptikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Vernunft sollte sich an den Fundamenten des Glaubens orientieren. Wie mächtig die Zensur war, kann man an dem "Schachzug des Descartes", dem Vater des Rationalismus, erkennen: Weil er die Zensur seines revolutionären Werkes ("Ich zweifle, also bin ich.") fürchtete, widmete er dieses an die berühmte theologische Fakultät von Sorbonne. Darin "beschwört" er die Vernunft und konstruiert sogar einen Gottesbeweis. Er behauptet, dass sein Werk der Kirche dient und stellt es es in die Obhut der religiösen Orthodoxie. Nur dadurch, dass er sich scheinbar vor ihrer Autorität beugt, kann sein Werk bestehen bleiben und "unbemerkt" die neuzeitliche Philosophie einleiten. Ein genialer Schachzug, das dem Begründer des Rationalismus alle Ehre macht.

Das Mittelalter ist glücklicherweise vorbei. Alles, was denkbar ist, kann gedacht werden - und das ist auch gut so!

Was nicht gut ist, ist, dass die "Aufklärung" in unserer Zeit falsch verstanden wird. Eigentlich hatte sich mit der "Aufklärung" die Philosophie von der Religion emanzipiert. Durch die Betonung der Vernunft wurde ein gesunder Glauben erst möglich: Dogmatische Autoritäten, die sich als Sprachrohr Gottes gebärdeten, wurden nun in Frage gestellt. Aberglaube und alles Irrationale wurde nun als solches erkannt, so dass der Weg frei war für einen gesunden Glauben. Absicht der Aufklärung war es nie den Glauben an sich zu verteufeln, so wie der Klerus es lange mit der Vernunft tat.

Doch, wenn man sich unsere Zeit anschaut, könnte man denken, dass das Mittelalter immer noch besteht, so spurlos ist offenbar die "Aufklärung" an vielen vorbeigegangen:

Eine falsch verstandene Aufklärung hat dazu geführt, dass nun der Glauben mit den Mitteln der Vernunft bekämpft wird. Früher wurde die Vernunft von Gläubigen bekämpft -  heute ist es umgekehrt. Alles bleibt beim Gleichen, nur die Vorzeichen und Mittel haben sich geändert. Früher wurden Freidenker hingerichtet, heute werden gläubige Menschen auf dem Scheiterhaufen der Vorurteile hingerichtet.

Diese selbsternannten Aufklärer, denken offenbar, dass man den Glauben durch die Vernunft überwinden müsse - doch das war niemals Ziel der Aufklärung! Es ging der Aufklärung um das richtige Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft - nicht darum Menschen zu züchten, für die der Zweifel nicht mehr eine Methode ist, sondern als Selbstzweck "Falschgeld" der Vernunft darstellt. Meist sind es Menschen, die sich an der Verbindlichkeit der religiösen Moral stören und glauben daran Anstoß nehmen zu müssen, um ihre vermeintliche Vernunft unter Beweis zu stellen. Da ihnen mit dem Glauben der Sinn abhanden gekommen ist, erscheint ihnen fragwürdig, dass sich die Sinnfrage bei Gläubigen nicht stellt. Um einen Sinn zu kreieren, laden sie die eigene Vernunft quasi religiös auf und überhöhen ihren Stellenwert. Ohne dass sie es merken ist dann jede ihrer "Vernunfttätigkeiten" eine Art Glaubensakt. Mit dem Glauben geben sie den Geist auf und werden zu Materialisten. Mit dem Glauben an die Seele, die sie durch die "Psyche" ersetzen, verlieren sie den spirituellen Zugang zu der Weisheiten aller Religionen. Fortan wird die Psychologie ihre "Religion". Und ironischerweise ist ihr gehässiger Kampf gegen die Religion nicht mehr als eine Neurose, ein innerpsychischer Abwehrmechanismus gegen ihre ureigenen, irrational erlebten religiösen Grundbedürfnisse. Dadurch, dass sie das Religiöse in der Außenwelt durch Projektion und selektive Auslese vermehrt wahrnehmen, bekämpfen sie es stellvertretend für das eigene Religiöse in sich, das sie als bedrohlich empfinden. Eine Neurose also, etwas, das die Psychologie durchaus behandeln könnte.

Um es in der Sprache der Medizin zu beschreiben: Es ist bei den vermeintlichen Aufklärern zu einer Autoimmun-Reaktion gekommen: Ihre Vernunft hat sich gegen den körpereigenen Glauben gerichtet und stößt ihn ab. Der Glauben stellt die Immunabwehr des Menschen dar. Er ist das Urvertrauen zum Leben und weiß wie es intuitiv auf die Ungewissheiten des Lebens zu reagieren hat. Wenn die Vernunft nun den Glauben bekämpft, bekämpft es auch sich selbst. Aber ohne Glauben kann man nicht leben. Ob das ein religiöser Glauben ist oder ein "unbemerkter" quasi-religiöse Glaube an die Vernunft - so oder so, es gehört zu der Natur des Menschen. Vernünftig ist es nicht den Glauben zu bekämpfen, sondern ihn auf eine richtige Art und Weise zu gestalten, die es noch zu ermitteln gilt. Nur wer das begreift, hat die Aufklärung wirklich verstanden.

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