Sonntag, 18. September 2016

Im Stollenwerk der Seelen

Nur unter der Oberfläche der Dinge lässt sich etwas Verwertbares finden.

Deswegen wagen wir Minenarbeiter uns tief in das von Asbest geschwängerte Schattenreich derer, die wir bis zur Unkenntlichkeit lieben.

Der Druck auf die Schächte in ihren Seelen, in denen wir uns vorankrebsen, wächst, je weiter wir gehen. Und je weiter wir gehen, desto größer wird der Druck etwas zu finden. Noch schwerer aber wiegt das Risiko, dass Stollen wie Zahnstocher einknicken und uns lebendig begraben in ihren Herzen. Kommt es dazu, ist es fast schon „besser“ sofort begraben zu werden. Denn wer in einer Luftblase überlebt, wird qualvoll ersticken. Hilferufe werden nicht erhört, wenn überhaupt als leise Klopfsignale überhört.


Kann sich noch jemand an die chilenischen Minenarbeiter erinnern, deren medial inszenierte, dramatische Rettung weltweit für Aufsehen sorgte? Unglaublich viele Menschen nahmen Anteil daran, beteten oder leisteten Hilfe. Warum eigentlich?


Weil sie sich unter den Verschütteten selbst fanden. Weil sie sich hinter den verkrusteten, pechschwarzen Gesichtern, die monatelang in der Dunkelheit ausharren mussten, wiedererkannten. Schließlich ist jeder Minenarbeiter, der in den Seelen der anderen gräbt - und nichts anderes ist Lieben.

Wer davon bedroht ist im Herzen eines anderen lebendig begraben zu werden, wird die Hoffnung wie die verschütteten Minenarbeiter nicht aufgeben. Er wir seiner Rettung entgegenfiebern, darin dass seine "Klopfzeichen" erhört werden.

Paradoxerweise überlebt mehr die Erinnerung an Gerettete als an diejenigen, die es nicht schaffen. Für letztere wäre die Erinnerung eigentlich angebrachter. Eine Erinnerung wie ein Strauß Blumen, den man an das Grab der mutigen und verunglückten Gefühle legen müsste.

Jeder ist Minenarbeiter, der das Risiko eingeht, vergessen zu werden - denn nichts anderes ist Verschüttetwerden. In den Goldminen unserer Auserwählten graben wir uns voran. Weiter und weiter, immer auf der Suche nach verwertbaren Rohstoffen, die wir gegen Zuneigung und Glück eintauschen wollen.

Jeder ist Minenarbeiter, der sich auf und in die Seelen anderer einlässt. Jeder, dessen Augen sich an die Dunkelheit der Seelen gewöhnen, und der ein Weniger an Dunkelheit schon als Licht empfindet. Wir graben uns mit unseren Fingernägeln voran, stoßen auf Granit, geben nicht auf. Irgendwann ist die Hoffnung, etwas zu finden, größer als die Strecke, die man zurückgelegt hat. Dann gibt es kein zurück mehr. Entweder man findet das Glück oder das Herz des anderen wird einem zum Grab.

Wenn man dann doch gerettet werden sollte, besteht die Kunst darin, sich in dem wiederzufinden, das die anderen entdeckt haben wollen, und sich nicht darin zu verlieren.

Bye, bye, Kenya!

Wie verzweifelt muss ein Mensch sein um sein Leben auf Schlauchbooten im Mittelmeer zu riskieren?

Die Antwort liegt in den zerbombten Kraterlandschaften von Syrien oder in den Slums von Kibera in Kenia.

Kibera ist eines der größten Armenvierteln der Welt, Ende April waren wir dort unterwegs als Ärzte im Rahmen unserer gemeinnützigen Stiftung. Seitdem ist Armut kein abstrakter Begriff mehr für mich.

Die einzige Möglichkeit ihr zu entfliehen, besteht darin sein Leben zu riskieren und in Booten das Mittelmeer zu überqueren. Genau genommen haben sie dabei nichts zu verlieren: Sie riskieren ein Leben, das genaugenommen keines ist. Das Leben in diesen Slums kann man wohl kaum als ein menschenwürdiges Leben bezeichnen. Und ein Leben ohne Würde ist kein lebenswertes Leben. Also gilt es diesen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen und ihre Verzweiflung auf dem Mittelmeer als Ausdruck ihres würdelosen Lebens richtig zu deuten.

In diesen Armenvierteln müssten sie für Trinkwasser täglich bis zu 10 km zu einem Brunnen laufen. Es gibt weder Schulen, noch medizinische Einrichtungen. In Vierteln, in denen es keine Toiletten gibt, grenzt es auch an einem Wunder gesund zu bleiben.

Wir verteilten Nahrungsmittel und führten medizinische Untersuchungen durch. Auffällig war, dass sich die Frauen nur selten bei uns bedankten. Allmählich verstand ich, dass das kein Ausdruck von Undankbarkeit war: Wer vom Leben niemals etwas erhalten hat, wird schlichtweg auch keine Dankbarkeit entwickeln können. Sie sind offensichtlich nicht oft in die Lage gekommen sich für irgendetwas zu bedanken.

Das alles fängt schon damit an, dass Kinder als Waisen auf die Welt kommen. Die Müttersterblichkeit bei der Geburt ist hoch und möglicherweise hat sich auch der Vater vorher "verabschiedet". Manchmal sind die Eltern aufgrund einer eigenwilligen Sexulamoral an AIDS erkrankt und der Krankheit schließlich zum Opfer gefallen Dann gibt es eben ein Heer von Waisenkindern. Wenn sie Glück haben werden sie dann in eines der Waisenhäuser aufgenommen, die von europäischen Missionaren verwaltet werden. Dort können sie in dem Glauben aufwachsen, dass sie zumindest von jemandem, Gott, geliebt werden. Obwohl ich Missionarismus kritisch gegenüberstehe, halte ich ihn in dieser Form für zulässig.

In der Rangliste der "glücklichsten Länder der Welt" ist Kenya an 122. Stelle. Dennoch können die Kenyaner lachen. Weil sie glücklich sind? - Sicherlich nicht! Armut macht unglücklich, Reichtum nicht glücklich. Warum lachen sie also? - Weil ihr Schicksal sich schon bei ihrer Geburt abgezeichnet hat. Sie alle teilen die gleichen Bedingungen, wenige unter ihnen haben bessere Startbedingungen. Es gibt keine Vergleichsmöglichkeiten, keine Aussicht auf ein besseres Leben, keine Sehnsüchte, die sie unglücklich machen könnten. Im fernen Europa macht uns der Glaube unglücklich, dass das große Glück irgendwo deponiert ist und uns entgeht. Das Unglück der Kenianer ist anderer Art: Alle haben ein vergleichbares Schicksal und in einer fatalistischen Art sind sie alle darin vereint. Keinem geht es besser oder schlechter als dem anderen. Keiner hat ein schnelleres Auto, ein größeres Haus oder mehr Geld auf dem Konto - sie alle sind gleicharm. Also bleibt ihnen nur eines: Entweder sich ihrem Unglück hinzugeben oder sich auf den Weg nach Europa zu machen, dorthin, wo glückliche Menschen leben sollen. Sie können nicht wissen, was sie dort erwartet.

Unsere Hilfe mag ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen sein, aber man könnte auch sagen, dass sie ein Tropfen im Meer war: Er geht nicht verloren. Und „wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt.“