Sonntag, 18. September 2016

Bye, bye, Kenya!

Wie verzweifelt muss ein Mensch sein um sein Leben auf Schlauchbooten im Mittelmeer zu riskieren?

Die Antwort liegt in den zerbombten Kraterlandschaften von Syrien oder in den Slums von Kibera in Kenia.

Kibera ist eines der größten Armenvierteln der Welt, Ende April waren wir dort unterwegs als Ärzte im Rahmen unserer gemeinnützigen Stiftung. Seitdem ist Armut kein abstrakter Begriff mehr für mich.

Die einzige Möglichkeit ihr zu entfliehen, besteht darin sein Leben zu riskieren und in Booten das Mittelmeer zu überqueren. Genau genommen haben sie dabei nichts zu verlieren: Sie riskieren ein Leben, das genaugenommen keines ist. Das Leben in diesen Slums kann man wohl kaum als ein menschenwürdiges Leben bezeichnen. Und ein Leben ohne Würde ist kein lebenswertes Leben. Also gilt es diesen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen und ihre Verzweiflung auf dem Mittelmeer als Ausdruck ihres würdelosen Lebens richtig zu deuten.

In diesen Armenvierteln müssten sie für Trinkwasser täglich bis zu 10 km zu einem Brunnen laufen. Es gibt weder Schulen, noch medizinische Einrichtungen. In Vierteln, in denen es keine Toiletten gibt, grenzt es auch an einem Wunder gesund zu bleiben.

Wir verteilten Nahrungsmittel und führten medizinische Untersuchungen durch. Auffällig war, dass sich die Frauen nur selten bei uns bedankten. Allmählich verstand ich, dass das kein Ausdruck von Undankbarkeit war: Wer vom Leben niemals etwas erhalten hat, wird schlichtweg auch keine Dankbarkeit entwickeln können. Sie sind offensichtlich nicht oft in die Lage gekommen sich für irgendetwas zu bedanken.

Das alles fängt schon damit an, dass Kinder als Waisen auf die Welt kommen. Die Müttersterblichkeit bei der Geburt ist hoch und möglicherweise hat sich auch der Vater vorher "verabschiedet". Manchmal sind die Eltern aufgrund einer eigenwilligen Sexulamoral an AIDS erkrankt und der Krankheit schließlich zum Opfer gefallen Dann gibt es eben ein Heer von Waisenkindern. Wenn sie Glück haben werden sie dann in eines der Waisenhäuser aufgenommen, die von europäischen Missionaren verwaltet werden. Dort können sie in dem Glauben aufwachsen, dass sie zumindest von jemandem, Gott, geliebt werden. Obwohl ich Missionarismus kritisch gegenüberstehe, halte ich ihn in dieser Form für zulässig.

In der Rangliste der "glücklichsten Länder der Welt" ist Kenya an 122. Stelle. Dennoch können die Kenyaner lachen. Weil sie glücklich sind? - Sicherlich nicht! Armut macht unglücklich, Reichtum nicht glücklich. Warum lachen sie also? - Weil ihr Schicksal sich schon bei ihrer Geburt abgezeichnet hat. Sie alle teilen die gleichen Bedingungen, wenige unter ihnen haben bessere Startbedingungen. Es gibt keine Vergleichsmöglichkeiten, keine Aussicht auf ein besseres Leben, keine Sehnsüchte, die sie unglücklich machen könnten. Im fernen Europa macht uns der Glaube unglücklich, dass das große Glück irgendwo deponiert ist und uns entgeht. Das Unglück der Kenianer ist anderer Art: Alle haben ein vergleichbares Schicksal und in einer fatalistischen Art sind sie alle darin vereint. Keinem geht es besser oder schlechter als dem anderen. Keiner hat ein schnelleres Auto, ein größeres Haus oder mehr Geld auf dem Konto - sie alle sind gleicharm. Also bleibt ihnen nur eines: Entweder sich ihrem Unglück hinzugeben oder sich auf den Weg nach Europa zu machen, dorthin, wo glückliche Menschen leben sollen. Sie können nicht wissen, was sie dort erwartet.

Unsere Hilfe mag ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen sein, aber man könnte auch sagen, dass sie ein Tropfen im Meer war: Er geht nicht verloren. Und „wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt.“

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