Montag, 3. Oktober 2016

Geburt und Tod

Wenn er einer seiner Patientinnen eine traurige Nachricht überbringen muss, setzt er sich neben sie im Korridor des Krankenhaus. Ihnen gegenüber will er nicht sitzen, denn dann müsste er ihnen in die Augen schauen - und das erfordert Kraft. Die Kraft ihren Schmerz zu ertragen hat er nicht.

Der Arzt bestellt eine junge, schwangere Frau ein und setzt sich neben sie. Er teilt ihr die traurige Gewissheit mit: Die Frau, die Zwillinge gebären wird, ist an Krebs erkrankt, sie hat nicht mehr lange Zeit zu leben.

Die junge Frau behält das Geheimnis erst einmal für sich, ihrem Ehemann will sie es zunächst nicht mitteilen. Sie beschäftigt sich mit dem Leben ihrer Familie nach ihrem Tod. Sie stellt sich vor wie ihre Kinder ohne sie aufwachsen werden müssen. Um ihnen etwas mit auf den Weg zu geben, spricht sie zu ihren nächsten Geburtstagen auf Kassette. Sie kommentiert ihre Entwicklung im voraus. Später wird sie ihren Mann bitten, diese Kassetten zu den Geburtstagen ihrer Kinder abzuspielen. Sie spricht darin ihre Kinder direkt an: Sie beglückwünscht sie, spricht ihnen Mut zu und drückt ihre Sehnsucht nach ihnen aus.

2 Monate nach der Geburt ihrer Zwillinge stirbt die Frau.

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