Montag, 3. Oktober 2016

Rache, Dankbarkeit, Vergebung

Es heißt immer man müsse vergeben, um frei aufatmen zu können. Es heißt, die größte Bestrafung können es sein jemandem zu verzeihen. Eine Vergebung kann leichter ausfallen, wenn die Erkenntnis durchsickert, dass ein erlittener Schaden nicht persönlich gemeint war, keine Absicht dahinter steckte, der Schaden aus der Situation zwangsläufig hervorgehen musste; wenn der Täter sich seiner Schuld bewusst ist. Wie aber kann man jemandem verzeihen, der sich nicht entschuldigt?

Universalgenie Michelangelo hätte vielleicht besonnener und christlicher reagieren müssen, v.a. als jemand, der im Auftrag des Papstes ein religiöses Bild erstellte. Er nahm sich jedoch die Freiheit seinen Kritiker zu einem Protagonisten seines abgebildetes religiösen Weltbildes zu machen, ihn aus Rachsucht in einen negativen religiösen Kontext zu verorten.

Ist jemand schwach und wird gedemütigt, neigt er zu Rachegefühlen. Ist er irgendwann stärker, nimmt dieses Gefühl ab, um letztlich ganz zu verschwinden. Rache ist insofern ein ein Phantasieprodukt, das aus einer Situation der Ohnmacht und der Schwäche entsteht. Wer Macht hat, wird es verstehen sich im Moment der Demütigung zu wehren und sich keinen Rachegelüsten hingeben müssen. Insofern ist es nicht ganz nachvollziehbar, dass Michelangelo letztendlich doch Rache ausübte und seinem Kritiker in dem Werk einen gewissen Stellenwert einräumte. Zumindest war seine Rache nicht archaisch und roh, sondern subtil - in der Sprache der Psychoanalyse eine Sublimierung:

Michelangelo hatte vom Papst den Auftrag erhalten, den Innenraum der Sixtinische Kapelle auszumalen. Er war schon damals ein Mann mit Weltruhm. Umso mehr muss es ihn geschmerzt haben, dass er unerbittlich kritisiert wurde. Dabei tat sich ein Mann hervor, der ihn zur Weißglut gebracht haben muss. Seine argwöhnischen, begutachtende Blicke und sein Spott müssen Michelangelo die Arbeit zur Hölle gemacht haben. Denn nur so lässt sich erklären, dass er eben diesen Kritiker in das Werk integrierte, für das dieser nur Spott übriggehabt hatte:

Das Werk hat den Namen "Das Jüngste Gericht". Als der Vorhang gezogen wurde, erkannte man unter der Vielzahl von Figuren auch ein grünes Wesen, das einem Kobold glich. Wie es unschwer zu erkennen war, stellte es Charon dar, den Fährmann aus der griechischen Mythologie. Auf einer Barke beleitet dieser die Toten über den Grenzfluss, der die Welt der Lebenden von dem der Toten trennt. Man kann sich vorstellen, wie dem prominenten Kritiker zumute gewesen sein muss, als er die Gesichtszüge des Fährmanns wiedererkannte: Es waren seine eigenen! Michelangelo hatte Charon, tatsächlich die Mimik seines größten Kritikers verliehen.

Dieser muss geahnt haben, welches Nachspiel das für ihn haben würde: Der Fährmann würde damit für alle Zeiten sein Gesicht haben - und er selbst bis zu seinem Tod das Gesicht eines Toten tragen. Entsetzt forderte er den Papst auf, der Sache Einhalt zu gebieten. "Meine Macht reicht bis zum Himmel - nicht weiter!" war dessen Antwort.

Dankbarkeit und Rache sind in ihrer Struktur ähnlich, beide zielen auf einen Ausgleich ab: Bei Dankbarkeit erfolgt das über positive Gefühle, mit denen man die "Zielperson" am liebsten überschwemmen, ihm etwas "zurückzahlen" wollte. Bei Rache eben auch, nur im negativen Sinne. "Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens." meinte ein Dichter - Rache eben auch, nur muss man es übers Herz bringen.

Verzeihen als Gegenstück der Rache heißt nicht einfach etwas beiseite zu schieben, sondern hat eine Vorstufe: D.h. man muss zu einer Stärke und Einsicht finden, mit denen man sich über das Geschehene erhebt.



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